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Staatstheater Wiesbaden Der verunsicherte Mann

Mozarts „Don Giovanni“ mit vielen Ideen und feinster Musik in Wiesbaden am Staatstheater.

Mit einem markanten und doch auch vermischten, musikalisch bestechenden „Don Giovanni“ geht das Staatstheater Wiesbaden in die Sommerferien. Markant das mit giftig gelber Farbe vollständig überzogene Bühnenbild von Raimund Bauer, das im Drehen den Blick freigibt auf verschiedene, gleichermaßen giftig gelbe Spielorte. Markant ebenso die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer, sexy und teils barock. Giovanni zeigt überm figurbetonenden Korsett seine ansehnliche Brust; Christopher Bolduc, mit hochkultiviertem, nicht sehr massivem Bariton, ist eine denkbar geeignete Besetzung dafür. Auf dem Maskenball trägt er Frauenkleider und ist androgyn, jesushaft und definitiv nicht über den Zenit, auch wenn Mozarts Oper ihn zur Erfolglosigkeit verdammt. Regisseur Nicolas Brieger macht ihn zum ruhigen Zentrum seiner nun durchaus vermischten Inszenierung.

Schon vor der Ouvertüre gibt es ein paar Takte Don-Giovanni-Pop-Crossover. Schon zur Ouvertüre dringt Giovanni, als bleiche Puppe maskiert, in Donna Annas Schlafzimmer ein. Der Verführer als Vergewaltiger, Brieger hat sich das nicht ausgedacht, aber er geht auch nicht darüber hinweg. Liebe und Erotik treten nicht überhöht auf. Interessant aber, dass Brieger die Behelligung Zerlinas nachher doch zum Komplott des rächenden Trios macht. Donna Elvira ist es, die ihr flugs rote Farbe auf den Schoß malt.

Vieles gestaltet sich munter, aber nicht so weit weg von Giovanni-Konventionen. Wie meist dieser Jahre in Wiesbaden ist das Sängerensemble nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch in Form. Als Sänger und Figur ist Leporello, Shavleg Armasi, das rustikale, durchschlagskräftige Pendant zu seinem Chef. Die Liste der Eroberungen trägt er nicht (als Leporello) in der Tasche, sondern hat sie sich auf die Haut tätowiert. Nachher muss er tüchtig die Hosen herunterlassen, fast am Kreuz hängen und froh sein, dass Zerlina nicht aufs Ganze geht.

Optisch ist das dezent, inhaltlich ist es nicht gerade durchgeistigt, aber lebendig ist es schon. Und äußerst diesseitig, wie die rasche und willige Entschleierung Zerlinas dokumentiert, die zunächst als muslimische Braut auftritt. Katharina Konradi lächelt und singt so süß, dass es melancholisch macht. Als eingesprungener Masetto überzeugt Daniel Carison mit einer sympathischen Mischung aus Minimachismo und Verlegenheit.

Auch der Ottavio von Ioan Hotea – stimmschön wie immer, aber weniger konturiert als gewohnt – hat gerne eine Hand in der Tasche wie ein Kerl, der die Dinge im Griff behält. Neben Ideen links und rechts am Wegesrand ziehen sich Bilder vom verunsicherten, aber bemühten Mann apart durch den Abend. Verunsicherbar auch, weil die beiden Heroinen einen Dreh ins Bedrohliche und Unnahbare haben: Netta Ors Donna Anna (in himmelblauem Taft und elegisch singend) und Heather Engebretsons Donna Elvira (im roten Mini und mehr agil als hochdramatisch) treten als energiegeladene Rächerinnen auf – nicht als Furien, so platt ist Briegers Personal nicht –, und das Miststück Elvira spielt dem Treulosen sogar kurzzeitig eine Schwangerschaft vor (da es im Libretto nicht vorkommt, ist es ihm wurscht).

Im zweiten Teil nimmt das Hadern, Wüten und Jammern der Vertreter von Treue und Moral wie immer etwas überhand. Ottavio erschießt sich sogar, aber noch erfolgloser als Werther, so dass er zum Finale vom Rollstuhl aus mitsingen kann. Die Höllenfahrt, hervorgerufen durch Young Doo Park als einem umstandslos aus dem Grab schlupfenden, mächtig aufsingenden Komtur, ist ungewöhnlich: Das Alter im Heim holt Giovanni ein, wo die Pflegerinnen jung, knackig und uninteressiert sind.

Das ist eine sehr gescheite Kopfgeburt, aber in der Umsetzung auch eine gescheiterte. Nicht nur bleibt sie verbindungslos zum zuvor Gezeigten. Sie lenkt auch weg von der Musik, während Konrad Junghänels Dirigat über drei Stunden eine feine, undröhnende, wendungsreiche Spannung hält und mithilfe eines auch keck intervenierenden Hammerklaviers (Tim Hawken) ironische Akzente setzt.

 

Staatstheater Wiesbaden: 29. Juni. www.staatstheater-wiesbaden.de

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