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Staatstheater Wiesbaden Der Krieg ist hautnah

Nicolas Brieger inszeniert „Nathan, der Weise“ am Staatstheater Wiesbaden als vorsichtige Annäherung auf einem Trümmerfeld

„Nathan der Weise“
Nathan ist ein kühler Stratege, der sich mit Machtkämpfen arrangiert hat. Foto: Karl & Monika Forster

Ein Sprayer schreibt in weißen Buchstaben „WAR“ an die Wand. Schüsse und Bombeneinschläge sind zu hören. Nach und nach ergänzt er den Satz: „Im Anfang WAR das WORT“. Dann verschwindet die Wand. Jetzt ist der Krieg hautnah. Graue Mauern stürzen ein, Feuer bricht aus, Menschen liegen verstreut auf dem Boden oder suchen nach Verletzten. Die Bilder erinnern an Reportagen aus umkämpften Gebieten in Syrien. Der Krieg ist nah. Mit klarem Statement verankert Regisseur Nicolas Brieger seine Inszenierung von Lessings „Nathan der Weise“, die jetzt am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden Premiere hatte, in der Gegenwart.

Im Epizentrum des Stücks steht, so Brieger in einer Probennotiz, Nathans Bericht über das Massaker von Gath, bei dem seine gesamte Familie von Christen getötet worden ist. Diese im Stück nur erwähnte Kriegsszene bildet in Briegers eindrucksvoller Inszenierung nun den Auftakt zum eigentlichen Werk. Mauermassen liegen nach dem Gewaltakt über die Bühne verstreut und spiegeln den Status quo der damaligen Machtblöcke wider. Mit wuchtigen Macht- und Religionskonflikten, die sich je nach Interesse der Herrschenden verschieben können, hat sich Lessings Nathan zu arrangieren. Macht überdauert. Das Schachspiel im Raum des Sultans übersteht die Bomben unversehrt.

In diesem Umfeld ist Nathan nicht primär ein besonnener, weiser Herr. Tom Gerber zeigt ihn vielmehr als kühlen, strategisch denkenden Geschäftsmann, dessen emotionale Bindungen an die angenommene Tochter Recha (Mira Benser) fast verdeckt bleiben.

Gegenüber Sultan Saladin (Hanno Friedrich) verhält er sich zunächst devot, er begegnet dem religiösen Machthaber mit äußerster Vorsicht. So erzählt er ihm, auf einem Hocker sitzend, in gehetztem Ton die Geschichte über den mysteriösen Ring. Nervös steht Sultan Saladin aufrecht neben ihm, umkreist ihn lauernd. Das Gefälle der Macht ist deutlich spürbar. Erst, als die Frage, welche Religion die wahre Religion sei, geschickt gelöst zu sein scheint, ändert sich das Verhältnis zwischen beiden; Nathan spricht nun auf Augenhöhe.

Distanzierte Kühle charakterisiert alle Vertreter der Religion. Doch während sich der Tempelherr (Maximilian Pulst), Saladin und Nathan menschlich annähern und dabei im Gespräch immer dichter an die Grenze zum Zuschauerraum geraten, bleibt der Patriarch von Jerusalem (Uwe Kraus) unbeirrbar starr. „Religion ist auch Partei“, heißt es im Stück. In diesem Punkt sind alle Religionen einander gleich. Das zeigt sich auch in ihrer Kleidung (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer). Alle tragen staubgraue Stoffe, jegliche religiöse Ornamentik ist – mit Ausnahme des Patriarchen, dessen Gewand leicht golden schimmert – ausgespart. Zum Schluss, als Lessings Stück schon sein glückliches Ende findet, gibt es doch noch einen erschreckenden Knall. Der Schatzmeister des Sultans hat eine Wand mit Wucht zu Boden geworfen. Nun senkt sich die dunkle Vorhang-Wand und wieder beginnt ein Sprayer zu schreiben: „WAR“. Die Zeit bleibt stehen, wir sind wieder im Jetzt.

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