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Staatstheater Wiesbaden Aus einem Totenhaus

Molières „Der eingebildete Kranke“ als veritables, nietzscheanisch unterfüttertes Gruselstück vom Ekel in und an der Welt.

Der eingebildete Kranke
Rainer Kühn als Argan in einem Raum, den man nicht einmal als Matratzengruft bezeichnen kann. Foto: Karl & Monika Forster Foto: Karl & Monika Forster (Extern)

Der Ekel zeigt sich hier von verschiedenen Seiten. Bevor Argan in einem ganz knapp nicht zu langen Schlussmonolog Friedrich Nietzsches Daseinsabscheu ins Feld führt, laboriert er an einem konvulsivischen Stuhlgang, hält etwas in die Höhe, bei dem man unter keinen Umständen wissen will, worum es sich handelt, und ist mit seinem in kargen Schmuddel gewickelten drahtigen Altmännerleib insgesamt hochpräsent. Alles ist fürchterlich sinnlich und sichtbar, zumal bereits das Bühnenbild von Duri Bischoff und Florian Schaaf so dunkel und feucht wirkt, dass es nach etwas riechen müsste und etwas Schönes könnte das nicht sein.

Ob er umnachtet ist oder eine Pimpernelle, in der Welt dieses Argan liegt in jedem Fall einiges im Argen, und es ist nicht allein er selbst, der sich bloß etwas mehr zusammenreißen müsste. Natürlich wäre es auch möglich, dass Evgeny Titovs Lesart für das Staatstheater Wiesbaden die Welt nicht nur sprachlich, sondern auch optisch aus der Sicht von Molières „Eingebildetem Kranken“ schildert. Eine ekelhafte Welt, in der ärztliche Anweisungen kaum noch die vitalisierende Wirkung haben, die in turbulenteren Inszenierungen aus dem Hypochonder immer wieder einen Aktivbolzen macht.

Interessant aber nun: So sehr es sich auf der einen Seite um eine Dramaturgenidee handelt – die ins Verkopfte schweifende Fassung stammt vom in Österreich lebenden Regisseur Titov und von dem Dramaturgen Wolfgang Behrens –, so theatralisch, so theaternah geht es auf der anderen Seite zu. Zu sehen und zu hören ist nämlich ein dunkleres, aber nicht mattes Echo traditioneller Moliére-Komödien.

Es ist düster und unerfreulich, aber es gibt Schauwerte. Eva Desseckers Kostüme bieten dem Titelhelden nicht viel, seine Umgebung trägt jedoch schwarzes Gruselfantasiebarock. Vor allem die Dienerin Toinette und Töchterlein Angélique leben offenkundig in einem Totenhaus, die Gesichter bleich, die Haare stumpf und spärlich. Evelyn M. Faber als Toinette (unter der hohen Riff-Raff-Stirn kaum zu erkennen) ist eine Personifikation der Vernunft und Resignation, perfekt ihre metallische Stimme dazu. Herrlich, wie beiläufig sie trotz und vermutlich auch wegen ihrer bizarren Ausstattung spielen kann, eine Dienerin, die seit mindestens 250 Jahren in diesem Kellerloch feststeckt (oder in diesem Verlies, über das sich übrigens keiner wundert, so ist das im Gruselkabinett, man gewöhnt sich dran und dreht schlapp den Gartenschlauch auf, wenn etwas Abscheuliches noch eine Etage tiefer gespritzt werden muss). Eine jugendliche Greisin ist Lina Habichts Angélique, die sich im Gespenstischen das Görenhafte bewahrt hat. Außerdem ist sie unfassbar verknallt in den Beau Cléante, Paul Simon als extrem elastischer, mit einer unerhörten Gesangsnummer versehener Grufti. An solchen Stellen wird es glasklar komödiantisch, aber nicht routiniert. Das liegt an Auslassungen in der Wiesbadener Fassung (der auch reichlich Personal zum Opfer fiel): Wenn etwa Argan sich nicht dazu überreden lässt, sich tot zu stellen, um die Liebe seiner jungen zweiten Frau zu prüfen – Sybille Weiser, in der sich alle Exaltation des pausenlosen 100-Minüters ballt –, sondern stillschweigend ohnmächtig geworden ist. Es liegt aber vor allem daran, dass Titov den Unterschied zwischen einer Kopfgeburt und einer mit einer Menge Details und Leben angefüllten Idee demonstriert.

Der eingebildet Kranke selbst: Rainer Kühn muss das sein, hager, alert und großäugig über die Dunkelheit der Dinge staunend. Ironie, Tragik und Irrsinn verbindend, Egozentrik und doch auch eine Bereitschaft, sich in Luft aufzulösen. Ohne ihn und seine Körperlichkeit – zwischendurch wie Jesus nach der Kreuzabnahme, wie überhaupt etliche gemäldehafte Bilder sich zwanglos auftun – wäre das alles nicht möglich.

In der besuchten Vorstellung imponierte Gottfried Herbe als Einspringer Dr. Diafoirus. Dass er so zurecht gemacht war, dass er zugleich praktisch den (erkrankten) Schauspieler Benjamin Krämer-Jenster spielte, war ein einmaliges Späßchen am Rande.

Staatstheater Wiesbaden:

27., 28. Dezember, 5., 9., 18. Januar. www.staatstheater-wiesbaden.de

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