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Staatstheater Wiesbaden Allein gegen die mächtigen Männer

Manfred Karge bringt im Staatstheater Wiesbaden Bertolt Brechts „Antigone“ statisch und klar auf die Bühne.

Die Antigone des Sophokles
Der Kriegstreiber und die Kämpferin, Laufenberg und Reichman. Foto: Karl & Monika Forster

Dass sich Altmeister Manfred Karge in seiner „Antigone“-Inszenierung für die Fassung Bertolt Brechts entschieden hat, erstaunt nicht. Schließlich hat der Schauspieler, Regisseur und Autor einst selbst seine ersten Schritte am Berliner Ensemble gemacht, wohin ihn Helene Weigel geholt hatte, damalige Intendantin und Ehefrau von Brecht. Vor über fünfzig Jahren hat Karge in Berlin schon die Vorgeschichte zur „Antigone“ inszeniert, Aischylos’ Drama „Sieben gegen Theben“.

In Wiesbaden zeigte er jetzt die Fortsetzung der antiken Tragödie. Bei Brecht begräbt Antigone ihren Bruder Polyneikes wie bei Sophokles gegen den Willen des Herrschers Kreon und soll dafür mit dem Tod bestraft werden. Die Fassung aus dem Jahr 1948 steht aber unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, und Kreon will hier durch einen Angriffskrieg Argos einnehmen.

Karge hat aus Brechts Fassung wiederum eine eigene gemacht, deutliche Bezüge zum Faschismus gestrichen und lange Textpassagen gekürzt. Den Kriegstreiber hat er mit Uwe Eric Laufenberg besetzt, dem Intendanten des Hauses. Die beiden haben für die Bühne schon mehrfach zusammengearbeitet.

Obwohl hier also gewissermaßen zwei mächtige Männer auf der Bühne präsent sind, ist die einprägsamste Figur des Abends Antigone. Llewellyn Reichman, die durch ihre Pagenschnitt-Perücke an die Widerstandskämpferin Sophie Scholl erinnert, zeigt eine zornige, wild entschlossene Antigone, die man zur Feindin nicht haben möchte. Im rotundenartigen weißen Bühnenbild, dessen Türen nach vorne hin geöffnet werden, sitzt sie beim Streit mit Kreon breitbeinig auf dem Boden. Mit aufgestellten Fußzehen kämpft sie durch ihre Worte gegen ihn an. Der versucht sie, zunächst väterlich hinter ihr sitzend, von ihrem Vorhaben abzuhalten – vergeblich. Beobachtet wird ihr Streit von den Männern des Chores. Hier sind es Geschäftsleute mit Hut und Aktentasche, fast ständig auf der Bühne, die Kreon beeindruckend synchron sprechend mit den Bedenken des Volkes konfrontieren.

Trotz des eingeschobenen, von Karge erdachten und reichlich schrillen Satyrspiels ist der Abend durch eine sehr statische Ästhetik gekennzeichnet. Durch sie wirkt die Geschichte der Widerstandskämpferin gegen den willkürlich Herrschenden zeitlos, aber auch sehr weit entfernt von der Gegenwart der Zuschauer. Die Texte werden langsam und deutlich gesprochen oder gebrüllt, zwischen den Szenen erklingt regelmäßig Musik, die kalt ausgeleuchtete Bühne ist überwiegend in Schwarz und Weiß gehalten.

Auch die Schauspieler scheinen in klar abgesteckten Grenzen zu spielen: So wütend Antigone auch ist, ihren Text spricht sie trotzdem fast unbewegt im Sitzen. Und als Kreon erfährt, dass sein erstgeborener Sohn Megareus gestorben ist, ist seine einzige Reaktion ein lauter Schrei, mehr nicht. Der Herrscher hat sein Volk betrogen, es immer weiter in den Krieg geführt und alles verloren. Dass Mira Benser als Ismene am Ende noch mit Kreide Antigones Satz „Zum Hassen nicht / Zur Liebe leb’ ich“ auf eine heruntergefahrene Bühnenwand schreibt, wäre nicht nötig gewesen, um das zentrale Anliegen der Inszenierung zu verstehen.

Staatstheater Wiesbaden: 2., 16., 23., Februar. www.staatstheater-wiesbaden.de

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