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Staatstheater Mainz Stolpern, purzeln, Pläne schmieden

„Tartuffe“ für Eilige, Informierte und alle, die lachen und staunen möchten.

Tartuffe
Familie Orgon: Tartuffe am Staatstheater Mainz.. Foto: Martina Pipprich

Molières „Tartuffe“ ist in Mainz nicht nur entschlossen, kurz und rasend zu sein, es findet sich auch ein Ensemble dafür. Man kann nur staunen. Da ist sofort ein Zug dahinter und er jagt und schlenkert das Personal vorerst über die Bühne, dass die Beine fliegen und die Körper kullern. Es gibt auch extra viele Treppen zum Herunterfallen oder um am Ziel vorbeizuschießen. Köpfe knallen gegen Wände. Tartuffe selbst, Murat Yeginer, fließt in einer hinreißenden Szene eine Etage tiefer. Elastizität und Spannkraft sind gefragt, aber man bewundert auch, wie Regisseur Christoph Frick nur Einzelnen das Härteste abverlangen muss und doch die ganze Gruppe erheblich in Gang setzt.

Die Bühne ist dabei gediegen goldfarben, in der Mitte ein steiles Podest mit Baldachin, schön und üppig. Ausstatter Alexander Wolf macht aus den Figuren eigenwillige Figurinen mit barockisierenden Elementen. Die Frisuren sitzen, die Schminke ist clownesk, aber sie regiert die Szene nicht. Wie auch das körperbetonte Spiel nicht Selbstzweck ist, sondern Leute präsentiert, denen der Boden unter den Füßen schwankt (bei völliger Stabilität der Bühne), die von ihren Gefühlen hin- und hergerissen, ihren Ängsten gehetzt werden, am Abgrund taumeln. In der Tat: Wer sich dem Ende der goldfarbenen Fläche nähert, muss aufpassen, schreckt auch zurück, und es mag ihm wohl schwindeln. Da draußen und da unten liegt Sperrmüll und hängen Kabel und ist es finster. Von dort, eine archaische Szene, rappelt sich Yeginers Tartuffe herein, ein Obdachloser, ein armes Schwein, das sein Leben jetzt in die eigenen Hände nimmt.

Frick, Jahrgang 1960 und heute in Basel ansässig, aber viel unterwegs, interessiert sich schon für den Mechanismus, der so einen erfolgreich macht. Aber er zeigt eigentlich keinen Frömmler, eher einen angepassten Filou. Tartuffe trägt jetzt Satinhemd und Cowboyhut. Da Elmire, die Frau seines Brotherren und seiner Träume, an eine Animierdame aus Las Vegas oder eine Verwandte der Ewings von Ewing Oil erinnert, machen sie sich nicht schlecht zusammen. Die unterbrochenen Annäherungsversuche Tartuffes sind Pas-de-deux-Späße über Nähe und Abstoßung, und Anika Baumanns Elmire ist jedenfalls kein Kind von Traurigkeit. Kein Beinzappeln wurde hier dem Zufall überlassen.

Die Vewandtschaft: schillernd. Monika Dortschy, Orgons Mutter, ist mit goldfarbenem Rollator unterwegs, was es ihr auf den Treppen nicht leichter, sondern viel, viel schwerer macht. Die beiden Kinder, Daniel Friedl als Damis, Antonia Labs als Mariane, sind verzogen, aber Grund zum Jammerlappigen stellt sich auch alsbald ein. Marianes Verlobter in spe, Valère, ist Nicolas Fethi Türksever, dem die Inszenierung ein derartiges Stolpern und Purzeln zumutet, dass es anfängt, gefährlich auszusehen. Unglaublich, wie er das hinbekommt. Die allgemeine Beweglichkeit gibt der berühmten Szene, in der die kluge Dorine, Andrea Quirbach, die beleidigten Leberwürste von Liebenden wieder zusammenbringen muss, einen besonderen Charme.

Schwager Cléante, Klaus Köhler mit angeschnalltem Bäuchlein, ist mehr der konziliante Typ. Als Identifikationsfigur für alle aufgeklärten Zuschauer macht Köhler auf sympathische Art deutlich, dass in diesen 90 Minuten einmal gar nichts ernstzunehmen und heilig ist, nicht einmal die Vernunft. Und weil auch Tartuffe selbst ein bunter Vogel ist, bleibt eigentlich am ehesten Orgon selbst ein wenig allein, Johannes Schmidt, fast ein normaler Mensch.

Weil alles entfällt, was sonst die Handlung aufhält (Wiederholungen, Details, Erklärungen), ist das Tempo durchgängig hoch und der Unterhaltungswert enorm. Auch gibt es eine treffliche Schlusspointe, die sich permanent in der Welt bestätigt.

Staatstheater Mainz: 8., 15., 18., 31. März. www.staatstheater-mainz.com

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