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Staatstheater Mainz Magische Sphären

Jan-Christoph Gockel inszeniert in Mainz Michail Bulgakows Roman „Meister und Margarita“ und navigiert durch eine Vielfalt skurriler Ereignisse.

Theater
Logisches und Irrationales schieben sich ineinander. Foto: Bettina Müller

Die Welt ist geteilt. Auf der einen Seite wohnen die Menschen dicht an dicht, „wie in einem Telefonhörer“. Jeder Laut des Nachbarn wird mitgehört. Nur ein durchscheinender Vorhang trennt ihr Leben zudem von Zugriffen aus dem Reich der Phantasie. Verschwindet dieser fragile, feine Stoff jedoch, dann scheint alles möglich zu sein.

Wo beginnt, wo endet Wirklichkeit? Gibt es – wie in den biblischen Evangelien beschrieben – eine Wiederauferstehung? Mit seiner Inszenierung von Michail Bulgakows Roman „Meister und Margarita“ hat sich Jan-Christoph Gockel den großen Lebensfragen zugewandt. Das opulente Werk fordert vom Staatstheater in Mainz Großeinsatz. Selbst die Hinterbühne, die dem Zuschauer üblicherweise unzugänglich ist, wird in dieser herausfordernden Inszenierung mit genutzt. In dem dunklen, zum magischen Spiegelsaal gewandelten Bühnenraum werden am Ende Woland, der teuflische Meister der schwarzen Magie (Martin Herrmann) und Margarita (Leoni Schulz) alle (!) Zuschauer und Akteure zur Ballnacht empfangen.

Bulgakows Roman ist mit dramatischen Dialogen reich ausgestattet. Gockel folgt in seiner durch starke Musikeinsätze (zum Teil live von Anton Berman) geprägten Inszenierung der Romanvorlage. Skurrile Wechsel von Ort und Zeit, wie sie der magische Realismus des von Alexander Nitzberg neu übersetzten Romans vorgibt, gelingen dank raffiniertem Bühneneinsatz (Julia Kurzweg) über weite Strecken nahtlos. Zudem betritt der Regisseur auch selbst die Bühne und gibt unbefangen in einzelnen Szenen Regieanweisungen. So navigiert er nicht nur durch die wirre Vielfalt skurriler Ereignisse, sondern macht zugleich erkennbar, wie stark vom menschlichen Intellekt vorgestellte Szenen immer auch manipulierte Szenen sind.

Gleich zu Beginn setzt diese Art, die Wirklichkeit zu hinterfragen, ein. Im Hintergrund erblickt man durch den Vorhang hindurch die „lautnahe“ Häuserwelt Moskaus. Die Zimmer sind offen wie in einer Puppenstube: Schlafzimmer, Toilette, Dusche – drei Stockwerke hoch. Jeder Raum für sich ist eine Bühne inmitten der Bühne.

Kaum hebt sich der Vorhang, beginnt vor dem Moskauer Haus ein Gespräch zwischen Pontius Pilatus und Jesus, der hier Jeschuha Ha-Nozri heißt. Die biblische Szene ist in Bulgakows Roman Fiktion. Sie zeigt Pilatus (Vincent Doddema) in Tränen. Am liebsten würde er Jeschuha (Nicolas Fethi Türksever) begnadigen, das starre System zwingt ihn jedoch dazu, dass Todesurteil gegen ihn zu bestätigen. Mit dieser Schlüsselszene des christlichen Glaubens eröffnet Gockel die Inszenierung des komplexen Romans und hinterfragt sogleich die Bilder, die sich über rund zweitausend Jahre aus Palästina bis in unsere Breitengrade übertragen haben.

Kaum hat sich die emotionale Kraft des Dialogs entfaltet, greift der Regisseur ein. Vom Moskauer Zimmer aus hat er diskret im Hintergrund das Geschehen beobachtet. In sachlichem Ton tritt er nun hervor und macht das Gespräch als Inszenierung innerhalb der Inszenierung erkennbar. Gegenwart und Vergangenheit, Logisches und Irrationales schieben sich ineinander. Die Verunsicherung wächst, immer mehr magische Sphären tun sich auf. Am Ende bleibt nur am Esel Boromir, der real die Bühne betreten hat, kein Zweifel haften.

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