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Staatstheater Mainz In der Klemme

Eine umweglos spannende und intensive „Maria Stuart“, inszeniert von Dariusch Yazdkhasti.

Elisabeth hinter Maria
Unverkennbar: Elisabeth hinter Maria, Hannah von Peinen und Anika Baumann. Foto: Andreas Etter

Eine beglückende, eindringliche Kühle liegt über Friedrich Schillers „Maria Stuart“ in der Lesart des 1973 in Krefeld geborenen Regisseurs Dariusch Yazdkhasti. Seine 125-Minuten- Version ist nicht kursorisch, aber die Figuren, ihre Absichten und ihre Hilflosigkeit werden kondensiert und kanalisiert. Sie sind Typen – das jedoch sind sie in der Long Version auch –, sie haben wenig Spielraum, sie stecken in der Klemme der Situation, ihrer Verpflichtungen, ihrer Feigheit und ihres Ehrgeizes.

Das ist ungemütlich, aber auch zwangsläufig, und da der gesamte Abend sich letztlich um eine einzige Entscheidung & Sekunde dreht – unterschreibt Elisabeth das Todesurteil gegen Maria, unterschreibt sie es nicht –, lässt Yazdkhasti alles übrige schattenhaft vorbeihuschen. Niemand kann ernsthaft erwarten, dass das Komplott des entflammten Jungkatholiken Mortimer gelingt. Nicht umsonst spielt Angsthase Leicester lediglich auf Zeit, die im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters trotzdem gnadenlos schnell verrinnt.

Es ist eng, aber die Bühne ist groß. Anna Bergemann arbeitet mit düsteren Rahmen, die nach hinten endlos weiterzugehen scheinen. Verlies, Zimmer der Königin, wo ist da schon der Unterschied? An den Rahmen und Menschen fließen zuweilen Videobilder (Konrad Kästner) herunter, als wäre die Flüssigkeit dicker als Wasser. Dass sie schwarzweiß ist, taugt also nicht zum Trost.

Überhaupt ist die Lage sofort ernst und dicht. Bei der Gefangenen Maria wird nach Schmuck gesucht, dazu braucht es wenig Worte, und der Amme schlagen die Männer am Rande kurzerhand die Nase blutig. Wächter Paulet ist bekanntlich ein anständiger Mann, aber nackte Gewalt regiert. Selten sieht man sie an diesem Abend so direkt, aber sie bestimmt das Handeln der Mächtigen und der Ohnmächtigen. Alle haben Angst. Das Drama „Maria Stuart“, in dem sich Schiller doch mit geradezu sentimentaler Verve auf die Seite der Schottin schlägt, ist ein feines, aufregendes Gespinst von Umlauerungstaktik und politischem Alltag – während das Geschehen, wie gesagt, maximal auf der Stelle tritt, denn Maria ist unrettbar verloren vom ersten Moment an.

Tatsächlich gelingt es den Mainzern, diese Spannung des Eh-schon-Klaren-aber-doch-Unerträglichen zu vermitteln wie am ersten Tag. Das liegt nicht nur daran, dass das Ensemble (leider, aber im Großen Haus logischerweise) Mikroports benutzt und fast jedes Wort zu verstehen ist. Auch Figuren und Handlung sind plastisch und trotz der emotionalen Schlingereien geht es geradeaus. Ohne fade zu werden, denn Yazdkhasti setzt auf opulente Bildeffekte und einen breiten, teils flauschigen, teils harten Musikteppich (von N-1, einer Formation aus Krefeld), behält aber dabei ein lebhaftes Menschen-, vor allem Gesichtertheater im Blick (die Gesichter zwischendurch auf Großleinwand, eine Spur beliebig, aber doch unwiderstehlich).

Die Männer: Vier klassische Charakter, von Josephin Thomas auch recht klassisch kostümiert, und jeder macht was draus. Nichts wirkt aufdringlich. Henner Momanns Leicester ist schlapp und krumm, aber im Ergebnis schon blasiert. Die Überreste von Noblesse, die Schiller ihm zubilligt, sind schwer zu erkennen. Vermutlich ist es das, was ihn so modern macht. Sein jugendlich-feuriges Pendant, Julian von Hansemann als Mortimer, darf mit einem in dieser Wucht selten gezeigten idealistischen Schwung antreten. Dass er, der Religion, Politik und Privates absolut nicht auseinanderhalten kann, ein Verwandter von Terroristen aller Couleur bis heute darstellt, übergeht er mit seinem hinreißenden Lächeln. Das Publikum darf selbst seine Schlüsse ziehen. Das ist nicht immer die Regel, heute Abend aber schon.

Als genießerischer Schurke hinter der Maske des Technokraten tritt Sebastian Brandes, Burleigh, auf. Denis Larisch als Wächter Paulet geht ebenfalls eine Spur krumm, aber nicht, weil er ein Schuft ist, sondern weil er keiner ist.

Die Frauen: Schauspielerinnen, keine Diven. Elisabeths Silhouette mit den Haarhörnchen ist unverkennbar, aber Hannah von Peinen spielt wunderbar und reaktionsfreudig mit allen Facetten zwischen dem unberührbaren königlichen Körper und dem schüchternen, wachsamen Menschen. Anika Baumann, schwesterlich begleitet von Andrea Quirbach als trauriger Amme, zeigt eine verhärmte Maria. Man sollte sie nicht überschätzen, ein klassisches Maria-Stuart-Phänomen.

Beide können sich hinter ihrer Garderobe verstecken, tun es aber nicht. Es ist diese Mischung aus Schauwerten und Details, die der Mainzer Aufführung als guter Staubschutz dient. Obwohl Schülerinnen und Schüler anwesend waren, hörte man die Stecknadel fallen. Weil Schülerinnen und Schüler anwesend waren, fiel einem diese Formulierung wieder ein. Ein spannungsreicher Abend.

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