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Staatstheater Mainz Gemeinsam, nicht einsam

Nassim Soleimanpours warmherziges Spiel „Nassim“, das ohne die Anwesenheit des Autors nicht aufgeführt werden kann.

Heute lernen wir im Staatstheater Mainz gemeinsam Farsi. „Khoo-neh“ heißt „Haus“. Dabei müssen die ersten beiden Buchstaben „Kh“ von hinten oben am Gaumen kommen, es muss kratzen, die Zunge liegt leicht an. Nicht ganz einfach, muss geübt werden. „Chrrrhh“ macht es da im Publikum, und auch der Schauspieler muss mehrfach wiederholen, bis Autor Nassim Soleimanpour, persönlich anwesend, zufrieden mit der Aussprache ist. Der Rest des Wortes wird gesprochen, wie wir es kennen. „Chhhroo-neh“ – geht doch.

„Khareji“ heißt „Fremder“ lernen wir weiter, doch in dem Stück „Nassim“ ist Fremdheit etwas, das allmählich an Bedeutung verliert, vielmehr werden darin Verbindungen geschaffen und aus „Fremdheit“ wird in kurzer Zeit „Freundschaft“.

Im interaktiven Geschehen findet die Kontaktaufnahme zwischen Publikum und Bühnenspiel, zwischen Dramatiker und Darsteller statt, bis am Ende alle Teil einer Geschichte von Herkunft, Entwurzelung und Neuanfang werden. Der Schauspieler benötigt die Hilfe des Publikums, das Publikum darf auf die Bühne, und der Autor steuert das Spiel, dessen Protagonist er selbst ist. Der Rahmen ist ganz einfach angelegt: Manuskript, Autor und Darsteller. Mehr braucht es offensichtlich nicht, um Menschlichkeit und Freundlichkeit zu schaffen.

Jeweils ein anderer Schauspieler, diesmal ist es Daniel Mutlu, erhält von Nassim Soleimanpour ein Manuskript, das er zuvor nicht kennt. Seine Aufgabe ist es dann, auf der Bühne zu improvisieren, zu lesen, was der Autor vorgibt. Schon bald ist das ziemlich witzig, und das Lachen gehört hier zum Programm. So gilt es beispielsweise, herauszufinden, was Regieanweisung und was Figurenrede ist. Schon da kommt ein Schauspieler gerne mal durcheinander und darf erfahren, welche Bedeutung „Tomatentage“ in Nassims Kindertagen im Iran hatten - für jeden Fehler eine Tomate essen, bitte. Das Publikum hilft gerne mit, wird aber von Tomaten nicht verschont.

Nach und nach erzählt der Darsteller nun die Geschichte von „Nassim“, auch mal in Form eines Märchens, das sich sowohl für Kinder als auch für Erwachsene eignet, von seiner iranischen Heimat, seiner Kindheit und dem heutigen Leben als Dramatiker in Berlin.

„Nassim“ hat Heimweh und sehnt sich nach seiner „Maman“, die nur Farsi spricht und noch nie eines seiner Stücke sehen konnte, weil Nassim Soleimanpours Stücke nicht auf Farsi erscheinen. Daher hat der Autor beschlossen, sein Stück endlich in seine Muttersprache zu übersetzen. Wenn Sprache nicht länger eine Barriere ist, dann könnten wir vielleicht auch gemeinsam etwas bewegen, so die Botschaft. Dazu gehört es auch, zu lernen und gewissermaßen einen gemeinsamen Nenner zu finden, den größtmöglichen am Besten.

So werden sich im Verlauf des Stücks das Tempo des Autors und des Darstellers aneinander angleichen. Die Texte kann das Publikum auf einer Leinwand verfolgen, während der Autor mal hinter der Bühne sitzt, mal Teil des Bühnenbildes ist. Es hat etwas von Schulunterricht, den mutigen Bühnenkünstler dabei zu begleiten, wie er versucht dem vorgelegten Text zu folgen, ihn nach einer geraumen Zeit auch zu interpretieren versteht und Nassims Erinnerungen an die Kindheit schildert.

Nassim Soleimanpour kommt aus Teheran. Berühmt wurde er 2011 mit dem Stück „White Rabbit, Red Rabbit“, das mehr als 1000-mal gespielt wurde, in diesem Frühling auch bei den Maifestspielen in Wiesbaden. Das neue Stück „Nassim“ wurde 2017 im Londoner Bush Theatre uraufgeführt und gewann in Edinburgh einen Fringe First Award.

„Nassim“ hat beschlossen, die zwei Welten, mit denen er lebt, hier zu vereinen. Und wie könnte das besser gelingen als gemeinsam. In diesem Stück wird vieles gelernt. Doch vor allem, wie leicht es sein kann, ein gutes Gefühl zu hinterlassen.

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