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Staatstheater Mainz Geh in dich, Mensch

Guy Weizmans und Roni Havers Tanz- und Märchenstück „Small Places“ in Kloster Eberbach.

Szene aus "Small PIeces"
Die silbernen (Tanz-)Wesen im Kapitelsaal von Kloster Eberbach. Foto: Andrea Setter

Die Magie des Ortes ist nicht zu unterschätzen: Die riesigen mittelalterlichen Weinpressen, wie geduckt unter dunklem Gewölbe, die feierlichen Bögen im Kapitelsaal, der stille Innenhof, über dem in dieser Nacht ein fast voller Mond steht. Roni Haver und Guy Weizman, Hauschoreografen beim Mainzer Staatstheater, haben ihr jüngstes Stück für das Kloster Eberbach erarbeitet – und obwohl dieser besondere Ort kräftig mitwirkt, überzeugen doch vor allem ihr Ideenreichtum und Fingerspitzengefühl.

Wegen der Begrenztheit der zwei Hauptaufführungsorte werden die Zuschauer per Zettelchen in eine rote und eine grüne Gruppe aufgeteilt. Versuchen Sie, in die grüne zu kommen, denn dann haben Sie das starke Tanz-Erlebnis als zweites. Grün nämlich wird – nach einer Einstimmung durch den Sie mit Hilfe von Texten Georges Perecs beschwörenden, verhexenden Schauspieler István Vincze – zuerst zu den Weinpressen geleitet. Dort haben Sie eine halbe Stunde Zeit, nach eigenem Gutdünken von Station zu Station zu gehen, dort gibt es Fabel- und Märchenhaftes, Symbolisches, auch Beklemmendes zu sehen.

Ein Darsteller bindet sich selbst auf einen Tisch und will sich doch befreien. Ein anderer zersägt in rotkariertem Clownsanzug rote Herzen. Eine Darstellerin hängt, behindert von kreuz und quer gespannten roten Fäden, Musikkassetten auf, darauf steht zum Beispiel „Mama“. Eine andere, platinblond und im Kostümchen, scheint einen Kaffeetisch decken zu wollen, das Geschirr klappert in ihren zitternden Händen, ständig verbeugt sie sich, ihr Lächeln ist festgefroren. Auf Kaffeekanne und Tassen ist ein aus vergangener (aber eben auch wieder nicht genug vergangener) Werbung bekanntes Mohren-Bild. Ein Prinzesschen lässt Barbie mit Ken tanzen. Alle Stationen sind mit Liebe zum schrägen Detail ausgestattet (Kostüme: Slavna Martinovic, Bühne: Ascon de Nijs).

Im Innenhof treffen sich beide Gruppen wieder, Vincze spricht über Freiheit, Leere, Loslassen, Sich-Vergessen, In-sich-Gehen, Tod, der kein Tod ist. Es ergibt nicht wirklich viel Sinn, es schwirrt trotzdem im Kopf nach.

In den Kapitelsaal wurde rund um die einzelne zentrale Säule eine Bühne gebaut; das Publikum kann sich rundum setzen. Von ominös grollend, rhythmisch treibend bis angedeutet orientalisch reicht die Musik Elad Cohen Bonens. Die Tänzerinnen und Tänzer haben nun in Silberfolien-Kostüme gewechselt.

Dass Haver und Weizman sich eine unerklärlich seltsame Bewegungssprache ausdenken können, hier könnte es nicht besser passen. Tierchenhaftes – Gewusel um das Leittier – verbindet sich scheinbar völlig natürlich mit Außerirdischen-Assoziationen und Anklängen an die Formalitäten des höfischen Tanzes, Ringelreihen um die Mittelsäule mit drolligen Hüpfbewegungen oder abrupt aufprallenden Körpern. Energie strömt aus dem Tanz, obwohl er auf dieser Bühne nicht weit ausgreifen kann; sie wird noch angeheizt durch die Nähe der Akteure. Manchmal setzen sie sich an den Rand und schauen einen eindringlich an.

Nach einer halben Stunde winken sie einen heraus, betreten nach einer Weile die Innenhof-Wiese in Bademänteln – der Mummenschanz, das Spiel ist vorbei – und gibt es von István Vincze ein paar letzte orakelhafte Perec-Sätze auf den Weg: Sätze, die sich aber durchaus auch wie eine Ermunterung anhören, das Rätsel dieses Abends und der eigenen Existenz als solches einfach zu akzeptieren.

 

Staatstheater Mainz in Kloster
Eberbach: 28.-31. Mai, 1., 4. Juni. www.staatstheater-mainz.com

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