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Staatstheater Mainz Die hintere Seite des Mondes

Da stimmt doch was nicht: Niklaus Helbling inszeniert Benjamin Brittens Shakespeare-Oper „Midsummer Night’s Dream“ in Mainz.

Geschmeidiges Paar: Oberon mit Puck, Alin Deleanu und Antonia Labs. Foto: Andreas Etter

Mit veroperter Literatur geht es einem wie mit verfilmter. Man muss Abstriche machen, den Eigenanteil der Phantasie-Tätigkeit als ruhend ansehen und am besten an das Original nicht weiter denken. Das gilt erst Recht für die oberste Liga der Gattung – Shakespeare, dessen musikalisierter, affekten- und bilderreicher Sprache nichts das Wasser reichen kann. Auch nicht im „Sommernachtstraum“, jener höchst artikulierten Verwechslungskomödie, die nicht nur die Liebespaare, sondern auch die Tier- und Menschenwelt, das Zauberreich und die Künste selber für- und gegeneinander aufbringt.

Benjamin Britten hat 1960 einen respektablen Versuch mit seinem „A Midsummer Night’s Dream“ unternommen und dabei seiner parlandohaften und idiom-affinen Ästhetik zu fast populärer Existenz auf der Opernbühne verholfen. Jede Inszenierung ist zu begrüßen, die dem klanglichen Eigensinn des 1976 verstorbenen „Orpheus Britannicus“ zur vollständigen Erfahrbarkeit verhilft. Und sich also in Sachen Simulation der Verzauberung der im Wald ihr Glück als Liebespaare Suchenden samt eselsköpfigen Mutanten und probierender Laienspielschar der Handwerker sowie eifersüchtigem Elfenkönig zurückhält.

Das hat man jetzt bei der Inszenierung der Oper in Mainz durch Hausregisseur Niklaus Helbling in ganz besonderer Weise getan: Sowohl der Palast von Theseus und seiner Amazonenbraut Hippolyta als auch der Zauberwald samt dem elfischen Hofstaat ist auf der Bühne des Kleinen Hauses des Staatstheaters nicht mehr als ein Fundus von Paravents, die zu größeren oder kleineren Raumsegmenten zusammen- und auseinandergeschoben werden. Bestrahlt mit floralen Mustern oder Mondflecken in wenig farbstarker, unauffälliger Präsenz. Am markantesten – und ein reizvolles kinetisches Objekt darstellend – ist ein über der Szene mittig postierter, großer Vollmond in realer Optik. Er scheint sich in großer Langsamkeit um die eigene Achse zu drehen. Mit dieser astronomischen Unmöglichkeit lässt er die Hinterseite und paradoxale Ganzheit seiner eigentlich fixen Gestalt zum Zeichen für den produktiven Un-Sinn des Waldesgeschehens werden (Video: Philipp Haupt). Dazu kommen je nach Szene temporär passende Mutationen des Mondgesichts.

Kostümlich herrschte eine Art zeitloser Eleganz bei den feudal-bürgerlichen Akteuren, zeitgenössische Handwerker-Kluft bei der Laienspielschar und faunisch glitzernde Textilien im Elfenreich vor (Ausstattung: Sabine Kohlstedt). Eine Wucht war der zerstreute und doch behände, alles schließlich ja doch richtig machende Puck, der ein hübsch langbeiniges, gar nicht trolliges, sondern gewitzt-kesses Wesen mit herrlicher Körperbeweglichkeit und trefflicher Stimme abgab (Antonia Labs). Die Stimmen des Elfenherrscherpaars Oberon–Titania waren mit Alin Deleanu und Marie-Christine Haase besetzt: in schönster Geschmeidigkeit und ohne jede Grellheit trotz der stellenweise starken Beanspruchung, die die Partitur in den Höhen erfordert.

Mit großer Klarheit, Festigkeit und rundem Volumen sangen die verwirrten Paare der Athener Jeunesse dorée, Tansel Akzeybek und Louise Fenbury (Lysander-Hermia) sowie Brett Carter und Dorin Rahardja (Demetrius-Helena). Sehr gut zusammengestellt und charakteristisch artikulierend die Stimmen von Derrick Ballard (Bottom), Stephan Bootz (Quince) sowie seiner Kollegen. Ihre finale Aufführung (ein hübscher Coup von Theater im Theater) geriet gestisch zu sehr in die Region fassenachtlicher Fadheit.

Größten Eindruck machten die famosen Elfenstimmen des Mainzer Domchors und des Mädchenchors am Dom und St. Quintin – geleitet von Karsten Storck. Das Orchester unter Hermann Bäumer hielt es beim brittenschen Waldweben weniger mit impressiven zart-flächigen Formen, sondern mit mehr direktem, unverschleiertem Klang.

Staatstheater Mainz: 23., 27. Mai, 2. Juni. www.staatstheater-mainz.com

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