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Staatstheater Mainz Demokratie im Museum

Björn Bickers aus den Niederungen des politischen Alltags gegriffenes Stück „Das letzte Parlament (Ghost Story)“.

Etwas verwickelte Voraussetzungen: Der Landtag von Rheinland-Pfalz kommt wegen Gebäudeumbaus gegenwärtig in der Steinhalle des Landesmuseums Mainz zusammen. Hier ein Stück zu zeigen, das von einem Parlament als Museumsobjekt erzählt, hat Reize, vermutlich ergab sich die Idee überhaupt erst durch den temporären Umzug. In der Logik des Stückes hat er das Parlament gerettet. Im Museum die Auslöschung seiner Art zu überstehen, ist aus Kunst und Technik ein vertrauter Vorgang. An ein Parlament dachte man bisher weniger, es war auch nicht notwendig.

Nun aber hat Björn Bicker im Auftrag des Staatstheaters Mainz ein Stück geschrieben, das „Das letzte Parlament (Ghost Story)“ heißt. Wir mittendrin, teils auf der Tribüne, teils im Plenum, dessen rundliche Tische mit weißen Planen abgedeckt sind (Bühne: Hella Prokoph). Nur Geister tummeln sich hier noch, fünf, von denen zwei einigermaßen die Übersicht haben – und wissen, dass sie im Museum sind, wo das letzte Parlament aufbewahrt wird. Und wo sich das letzte Parlament befindet, ist auch der Rest von Demokratie eingelagert. Die, die verstehen, was hier los ist, sind Kristina Gorjanowa als blinde Stenografin, die zuhört, die alles hört, während alle anderen reden, reden und reden und nur im größten Notfall zuhören (um das nächste Stichwort zu erwischen), und Monika Dortschy als Geist der Demokratie.

Monika Dortschy lagert auf der Balustrade des Rangs und ist als Teufel und also Hornvieh ver- oder gekleidet. Nimmt sie die gehörnte Maske ab, raucht oder staubt es erheblich. Viel Zeit ist vergangen. Seit 5000 Jahren, sagt sie, stehe die Frage im Raum: Wie kann die Mehrheit die Wahrheit ersetzen?

Die anderen drei machen wie normale Gespenster weiter wie bisher, Gesichter graumeliert, Haare graumeliert, Anzüge graumeliert (Kostüme: Britta Leonhardt). In einer großartigen Eingangsszene stolzieren Elena Berthold, Vincent Doddema und Klaus Köhler nacheinander ans Rednerpult und posieren, schwadronieren und polemisieren stumm und tempogedrosselt. Nur die Zeitlupe macht es zur Karikatur. Das wird für Schauspieler eine lösbare Aufgabe sein, aber beim Zuschauen durchfährt es einen angesichts der jahrzehntelangen Vertrautheit mit Gestik und Mimik heiß und kalt. Heiß, weil es das gute alte Politikergebaren ist, großkotzig, werbend-drohend-flehend, verächtlich, bemüht, Galaxien entfernt von Weisheit und Nachdenklichkeit. Kalt aus demselben Grund, denn es ist natürlich das schlechte alte Politikergebaren. Würden vom Rang aus nicht die Rüstigen Rentner Schifferstadt (Daniel Friedl, Martin Herrmann) maulen und sich nachher weit rechts ins kollektive Mitgequatsche einordnen, hätte man weniger Sympathien für die drei Abgeordneten.

Autor Björn Bicker hat schon bei anderen Themen auf die Worte der Leute geschaut, so 2016 in seiner Textsammlung „Was glaubt ihr denn. Urban Prayers“. Als Vorbereitung auf das „Letzte Parlament“ hat er sich in Mainz mit Parlamentariern und Angestellten unterhalten, so dass es innerhalb des Gespenstischen eine Art Echtheitsgarantie gibt. Damit spielt die Inszenierung von Brit Bartkowiak unterhaltsam. Noch vor der Tür singt ein Kinderchor und protestiert gegen die Schließung einer Zwergschule. Sagt ein Zuhörer zum anderen, dass sei nun schon witzig, jetzt habe man sich die ganze Zeit mit den Zwergschulen herumgeschlagen, um sie jetzt im Theater schon wieder vor sich zu haben. Außerdem singen die Kinder lange, zart und viele Strophen, und es wird dann immer schwieriger, noch länger zu lächeln. Das wirkt wirklich echt.

Die hauchfeine Gereiztheit, die angesichts von beharrlichem, zweifellos verständlichem Protest keimen kann, wenn er einfach nicht mehr aufhört: Bicker hat sich ein gutes Thema dafür ausgesucht, ein rheinland-pfälzisches Streitobjekt der vergangenen Monate. Auch das letzte Parlament werden die Zwergschulkinder (die die Zwergschulkinder aber nur spielen, wie Leoni Schulz die Lehrerin und Daniel Mutlu den Vater, alles hier ist immer nur fast echt) nachher permanent stören, erst akustisch, nachher kommen sie lustig verkleidet selbst herein.

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