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Staatstheater Kassel Mühle des Kapitalismus

Emotional aufreibend: Janáceks „Jenufa“ am Kasseler Staatstheater.

Er begeistert sich leidenschaftlich für die Leidenschaften, noch mehr aber für die Genauigkeit, mit der er ihnen Ausdruck verleihen will“, schrieb Milan Kundera über Leos Janácek, der durch die minutiöse Wahrnehmung von Sprachmelodien zu seinem unverwechselbaren Stil fand und wie ein erratischer Block in der Musikgeschichte dasteht. Mit seiner „Jenufa“ gibt es nun am Staatstheater Kassel ein so emotional aufreibendes wie glorioses Opernerlebnis.

Genauigkeit in der Leidenschaft – die hat auch Dirigent Francesco Angelico, seit dieser Spielzeit Kassels Generalmusikdirektor. Der gebürtige Sizilianer setzt nicht auf manische Dauerspannung, sondern durchleuchtet mit dem glänzend disponierten Staatsorchester die Partitur in all ihrer Vielschichtigkeit. Die Fülle an Farben und Details ist frappierend, und als Klangästhet beweist Angelico auch ein Gespür für „schöne“ Stellen. Alles andere als lieblich ist das Ambiente. Regisseur Markus Dietz, Mayke Hegger (Bühne) und Henrike Bromber (Kostüme) verlegen die Handlung ins textilverarbeitende Gewerbe: Statt der pittoresken mährischen Landschaft und einer Mühle im Gebirge gibt es unschöne Einblicke in die Teufelsmühle des gegenwärtigen Kapitalismus – im Programmheft wird ein Bericht über Billiglöhner in Tschechien zitiert.

Das Elend der Welt kommt in markanten Bildern daher. Hinten stehen Waschmaschinen, in der Mitte befindet sich ein riesiger Altkleiderhaufen, auf dem Lohnsklaven Teile sammeln, um sie fein säuberlich zusammenzulegen. Ein bitteres Drama entspinnt sich: Jenufa erwartet ein uneheliches Kind von Nichtsnutz Steva, wird aber von dessen Halbbruder Laca geliebt, der ihr aus Eifersucht das Gesicht zerschneidet. Um Jenufas Zukunft zu retten, beschließt ihre Ziehmutter, die Küsterin, das Baby zu ermorden.

Dabei erschöpft sich die Bilderwelt nicht in drastischem Naturalismus. Das Heben und Senken der Bühne sorgt für surreale Effekte, und als nach dem Entschluss der Küsterin ein Junge mit roter Mütze erscheint, tut sich eine albtraumhafte Atmosphäre auf wie in einem Psychothriller oder Horrorfilm.

Großes Lob gebührt dem tschechisch singenden Ensemble wie dem Opernchor – allen voran Ulrike Schneider für ihre herausragende, an psychische Grenzen gehende Verkörperung der Küsterin. Jaclyn Bermudez gibt der Jenufa ein wehmütig umschattetes Timbre, während George Oniani (Laca) teilweise strahlende Härte auffährt und Tobias Hächler (Steva) das bewundernswerte Porträt einer Jammergestalt liefert.

Hoffnungsvoll lässt Janácek seine Oper ausklingen, denn zuletzt verzeiht Jenufa der Mörderin ihres Kindes und ist zu einem Leben mit Laca bereit. Ein aufwühlender Premierenabend, vom Publikum mit viel Beifall bedacht. Eine erfolgreiche und verheißungsvolle Zusammenarbeit von Angelico und Dietz, die in der kommenden Spielzeit beginnen werden, Richard Wagners „Ring“ in Kassel umzusetzen.

 

Staatstheater Kassel:
17., 23., 28. Februar.
www.staatstheater-kassel.de

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