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Staatstheater Kassel Im Wunderreich der Nacht

„Tristan und Isolde“, ernst und ökonomisch am Staatstheater Kassel.

Tristan
„Tristan und Isolde“ am Staatstheater Kassel: Ulrike Schneider (Brangäne), Ann Petersen (Isolde). Foto: N. Klinger

Oper, diese verschwenderische Kunstform, muss sich gleichwohl permanent der Frage stellen, wann es zu viel, wann zu wenig ist. Erst recht gilt das für Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Dass sich der Komponist ausgerechnet bei dieser extrem handlungsarmen Oper zum Untertitel „Handlung in drei Aufzügen“ entschloss, muss Regisseuren ironisch klingen. Am Staatstheater Kassel geht Stephan Müller nun den ganz ruhigen, ernsten Weg und kommt weit damit. Das hängt vor allem damit zusammen, dass das Haus, das im September einen neuen Ring starten wird, unter dem exzellenten Dirigat von Constantin Trinks musikalisch alles gibt. Aber nicht nur. Müller schafft es auch, eine bescheidene, aber wirkungsvolle Bildgrundlage zu schaffen, ja, sicher, man hat hier die berühmte Inszenierung, „die nicht stört“, aber man hat auch eine erhabene Schnörkellosigkeit.

Hinter Michael Simons abstrahierter Reling ist das Bild eines Toten zu sehen, ganz flach wie auf der Predella eines Altars. Man darf an Morold denken, den von Tristan getöteten Verlobten Isoldes, eine alte böse Geschichte, die im Hintergrund noch lauert. Trotzdem, das wird vor allem in der aus dem Inneren heraus brodelnden Kasseler Isolde, Ann Petersen, deutlich, warten die beiden nur auf den bewussten Trank, um ihre Liebe bekennen zu können. Der Schock und zugleich der dramaturgische Geniestreich Wagners treten in der Sparsamkeit umso drastischer hervor: dass just in diesem Moment der Herrenchor und König Marke auftauchen – buchstäblich auftauchen, ungeschicktes Auf und Ab wird hier weitgehend gemieden, Personal hochgekurbelt – und den großen Moment abrupt beenden. Er muss bis zum nächsten Akt warten, wo er sich bekanntlich ekstatisch Bahn bricht, hier unter sinnfällig an Seilen in der Luft hängenden Steinbrocken.

Die Situation ist gefährlich und eigentlich unhaltbar in der Schwebe. Man kann beklagen, dass Simon und Müller an dieser Stelle doch nicht sehr viel daraus machen, man kann aber auch staunen darüber, wie sehr es sich gelohnt hat, Petersen als Isolde und Michael Weinius als Tristan zu engagieren, eine Dänin und einen Schweden, die den rücksichtslosen Partien viel besser gewachsen sind als manche Galabesetzung. Sie ist auch eine glaubhafte Darstellerin, ein verwirrter, aber im Vorgehen geradliniger Mensch. Herrlich ist das zu sehen in den Szenen mit Brangäne, dem Ensemblemitglied Ulrike Schneider, das stimmlich ausgezeichnet mithält und mit Isolde – als ihre Gouvernante, die Stimme der Vernunft – regelrecht ringt. Dass sie ihr „Einsam wachend“ aus dem Off singen muss: schade für die musikalische Rundung der Situation, auch ein bisschen fantasielos. Weinius, der im Düsseldorf/Duisburger-Ring kürzlich als Siegfried debütierte, ist nicht der lyrischste denkbare Tristan und erst recht nicht der textfesteste (gemein für Sänger, dass die Übertitel heute kleinste Hänger bloßlegen). Aber das Stehvermögen seines Tenors ist bezaubernd und von ungezwungen wirkender Kraft. Darstellerisch darf man ihm nichts weiter abverlangen, und so handhabte Müller es auch.

Am Ende des zweiten und im Verlauf des dritten Aufzugs stechen sich die Männer tapfer ab, eine an diesem Abend etwas glücklose Anwandlung von Mantel-und-Degen-Geschehen. Dabei ist Hansung Yoo, noch ein Ensemblemitglied, ein äußerst beweglich singender und agierender Kurwenal, Dan Karlström ein tüchtig geifernder Melot. Der Marke des aus Frankfurt entliehenen Andreas Bauer: fundamental. Carla Caminatis Kostüme, für die Hauptfiguren recht elegant, wenngleich im Mittelakt etwas discoartig, sehen spät noch einen etwas absurden Finsterling in schwarzer Gummiuniform als Kurwenals Mörder vor. Weil viel mit dem Licht gearbeitet wird, Markes Männer zuvor Silhouette bleiben, ist einem vielleicht optisch das eine oder andere entgangen. Das mag sogar Vorteile haben.

Im dritten Aufzug, für den das Bühnenbild als flacher Guckkasten etwas nach oben gerückt wurde, entwickelt sich Tristans langes Sterben etwas anstrengend auf einer bequemen Sitz- und unbequemen Liegegelegenheit. Isoldes Liebestod: Bloß ein Stehen und Lichtlöschen. Etwas wenig.

Aber die Kräfte der Singenden reichen aus, ein kultiviertes Ertrinken, Versinken. Dazu gibt es ein glänzend vorbereitetes Orchester, das mit dem Rauschhaften umzugehen weiß, Rücksicht auf die Sänger nimmt, und Verhaltenheit nicht mit einem Mangel an Intensität verwechselt.

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