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Staatstheater Kassel Es ist gut, es ist nicht schlecht

Simon Stephens' Zweipersonenstück „Heisenberg“, zärtlich am Staatstheater Kassel.

Jeansjacke
Er hat sich eine Jeansjacke gekauft, unglaublich. Jürgen Wink (Alex Priest) und Christina Weiser (Georgie Burns). Foto: N. Klinger

Die Heisenbergsche Unschärferelation hat in Simon Stephens’ Stück „Heisenberg“ eine ähnliche Funktion wie die chemische Affinität in Goethes Roman „Wahlverwandtschaften“. Beide geben auch für Nichtkenner physischer und chemischer Zusammenhänge vor, wie die Figuren zueinander stehen: Zwangsläufig zusammengebracht bei Goethe; einander nah, aber in einer Beziehung, die nie von allen Seiten zugleich ganz zu begreifen ist, bei Stephens.

Unvorhersehbar ist Georgie noch mehr als Alex, aber da könnte man sich auch irren. Alex ist es dafür, der erklärt, worum es geht: „Wenn man etwas intensiv genug beobachtet, begreift man, dass man unmöglich sagen kann, wohin es sich bewegt und wie schnell es dorthin gelangt.“ Und: „Wenn man darauf achtet, wohin es sich bewegt oder wie schnell, dann beobachtet man es nicht mehr richtig.“ So dass man auch auf den Gedanken kommen kann, dass es nicht nur um Alex und Georgie untereinander, sondern auch um unsere Rolle geht. Lassen wir uns in die Geschichte verwickeln, erkennen wir nicht mehr, was eigentlich vor sich geht. Bleiben wir ständig auf der Hut, entgeht uns, wie reizend die Geschichte ist. Simon Stephens sagt dazu im Programmheft: „Ich würde eigentlich nie ein Stück schreiben, das so schamlos das Leben feiert. Ich hatte noch nie ein Stück über zwei so alberne Figuren geschrieben, denen es zusammen besser geht, als es jedem für sich allein ging.“

Also: Georgie (42, vermutlich Grundschullehrerin) lernt Alex (75, Metzger) kennen, weil sie ihm versehentlich oder nicht versehentlich den Nacken küsst. In Kassel ist das ein Aneinanderstupsen. Man versieht sich kaum, da ist es schon vorbei. Die beiden lernen sich kennen, erst redet (lügt) fast nur Georgie, nachher redet Alex eine Menge. Sie gewöhnen sich aneinander, gehen aus, schlafen, reisen, tanzen miteinander. Es ist gut, wie es ist. Es ist nicht schlecht. Es gibt keinen Haken, außer dass Menschen nicht so einsam sein sollten wie Georgie und Alex, bevor sie sich kennenlernen.

Auf Deutsch war „Heisenberg“, nicht Stephens’ stärkstes Stück, aber voller Details und Möglichkeiten, zuerst 2016 in Düsseldorf zu sehen. Jetzt eröffnete Intendant Thomas Bockelmann mit seiner Inszenierung die Saison am Staatstheater Kassel, einem Abend, der sich sorgsam, aber nicht verbissen um Einhaltung von Stephens’ Vorstellungen bemüht. Der Brite hat offenkundig eine Versuchsanordnung vor Augen – karge Umgebung, klar abgegrenzte kurze Szenen in immer wieder etwas neuen Situationen –, die Bockelmann unangestrengt umsetzen lässt. Die Spielfläche, Ausstattung: Mayke Hegger, wird durch Neonleuchtstäbe umgrenzt. Zwanglos entsteht dabei auch der Eindruck eines Spiegels, in dem Christina Weiser und Jürgen Wink einander sehen müssten. Hinten im Dunkel der Bühne stehen die Requisiten bereit, raffiniert beleuchtet.

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