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Staatstheater Karlsruhe Dunkles Schimmern

„Anna Bolena“, gediegen inszeniert am Staatstheater Karlsruhe.

Anna Bolena
Anna Bolena und die vergehende Zeit. Foto: Falk von Traubenberg

Die Tudors und ihr unmögliches bis problematisches Betragen in sittlichen Fragen haben auch der italienischen Oper viel gegeben. Von Gaetano Donizettis drei entsprechenden Werken, „Anna Bolena“, „Maria Stuarda“ und „Roberto Devereux“, ist die früheste jetzt am Staatstheater Karlsruhe zu sehen. „Anna Bolena“ von 1830 ist die einzige, in der der Ehefrauenverschleißer Heinrich VIII. selbst auftritt, aber es ist mit Blick auf den Komponisten nicht überraschend, dass das Feld trotzdem weiträumig zwei Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs überlassen ist.

Heinrich, dem Donizetti keine tieferen Emotionen zutraut, will die Geschichte einfach rasch über die Bühne bringen. Anna Bolena, Heinrichs gegenwärtige (zweite) Frau, befindet sich hingegen in einem komplexen Wechselbad zwischen Todesangst, Zorn auf die noch unbekannte Rivalin, gemischten Gefühlen gegenüber dem Ehemann sowie dem en passant in die Handlung eingeführten Tenor, mit dem sie einst verlobt war. Jane (Giovanna) Seymour, Heinrichs künftige (dritte) Ehefrau, zagt noch in der Warteschleife, ist als Annas Hofdame in inneren Konflikten und sozusagen gelähmt. Es ist prachtvoll, in Karlsruhe Ina Schlingensiepen (Anna) dabei zuzuschauen, wie sie schreitet, leidet, flattert und taumelt, wohingegen Ewa Plonka (Giovanna) statuarisch und mit Gesten des Bedauerns und einem Lächeln nicht zu verhehlenden Liebesglücks die Dinge auf sich zukommen lässt. Donizettis Oper und auch Irina Browns Regie sind komplett auf die beiden zugeschnitten. Es kommt zu schönen, dramatischen Tableaus, immer in Positionen, in denen sich herrlich singen lässt: Plonka bietet eine fast raumsprengende, schwermütig grundierte Gala-Giovanna, Schlingensiepens Anna ist beweglicher, empfindlicher, leichter, eine typische, vom kruden Schicksal dem Wahnsinn entgegengeschleuderte Donizetti-Partie. Dass Anna Giovanna bei durchaus klarem Verstand verzeiht und alle Schuld dem bösen Mann zuschiebt – dem das in Person des kultiviert wuchtig aufsingenden Nicholas Brownlee wurscht ist –, ist ebenfalls ein charakteristischer Donizetti-Moment, in dem man sich nicht ganz sicher ist, ob dieser in die Seele der Frauen tief hineinschauen kann. Musikalisch ist es überwältigend.

Brown, gebürtige Russin, vorwiegend in England tätig, zeigt in ihrer ersten Regie an einem deutschen Theater britische Geschmackssicherheit und Zurückhaltung. Die Devise scheint zu sein, eine kostbare Gestaltung zu bieten, und sie wird eingelöst. Recht eigenwillig zeigt das Bühnenbild von Dick Bird Windsor Castles dicke Gemäuer, als wären sie aus Metall.

Die Bauteile lassen sich von den maskierten Soldaten gut bewegen und bieten auch durch die Lichtregie von Stefan Woinke und einzelne Requisiten – hier ein goldenes Gefäß, dort eine Sanduhr, denn Zeit läuft hier allenthalben an – einen dunkel schimmernden Hintergrund für die opulent kostümierten Protagonisten: Moritz Junge stattet Brownlee wie einen Gemälde-Heinrich aus, die Frauen tragen Seidengewänder, die man beim Zuschauen gediegen knistern hört. Der Chor, sehr diszipliniert einstudiert von Ulrich Wagner, wird glänzend gestellt und gesetzt. Der Jubel zwischendurch und am Ende lässt nicht zuletzt ein Publikum hören, das sich den lukullischen Belcanto liebend gerne in dieser gediegenen und adäquaten Form servieren lässt. Brown, die noch Leah Hausman für die „Bewegungsregie“ mit im Team hat, scheint eigentlich wenig zu unternehmen, aber das macht sie mit Geschick und Frische. Tatsächlich liefe die Karlsruher „Anna Bolena“ permanent Gefahr, verstaubt zu wirken, das Statische, das Zurückgenommene, aber in satt drei Stunden reiner Spieldauer kann davon keine Rede sein. Zum Beispiel ist der Gemälde-Heinrich ein höchst lebhafter Mensch, der springt, wohin er gerade will, und greift, was immer er möchte. Quirlig auch Dilara Bastar als Page Smeton mit federleichtem, glockenreinen Sopran. Ein schmaler, geschmeidiger Schurke ist der Hervey von Cameron Becker, dessen lichter Tenor signalisiert, wie auch die kleineren Partien in Karlsruhe fein besetzt werden konnten.

Kurios ist die Rolle des Tenors und Ex-Verlobten Percy, der praktisch nur auftaucht, um seiner geliebten Anna das Leben schwer zu machen, dem König den heiß ersehnten Untreuevorwurf an die Hand zu geben und sodann jammernd alles wieder zu bereuen. Eleazar Rodriguez entledigt sich der anstrengenden Pflicht sehr kompetent, wenn auch etwas eng (aber die Spitzentöne: alle da). Man erlebt in Reinform, wie ein Orchester, geleitet von Daniele Squeo, in allererster Linie und mit Finesse den Sängern dient.

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