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Staatstheater Darmstadt Platze sollste!

Ein klingender, draller „Fröhlicher Weinberg“ mit der Hessischen Spielgemeinschaft am Staatstheater Darmstadt.

Szene aus "Fröhlicher Weinberg"
Was sich liebt, das jagt sich: Klärchen und Jochen. Foto: Jan Ehlers

Wie ein Weinfest mit Ausschankbuden und einer Bretterbühne hat Michael S. Kraus Carl Zuckmayers Lustspiel „Der fröhliche Weinberg“ auf der Terrasse des Staatstheaters Darmstadt ausgestattet. Das Publikum sitzt an Bierbänken und ist schon eine halbe Stunde vor Beginn fast vollzählig und in entspannter Laune. Für die Hessische Spielgemeinschaft 1925 e.V., ambitionierte Laien, hat die Regisseurin Judith Kuhnert das Stück (ebenfalls von 1925) neu eingerichtet, in dem es komödientypisch um Liebeswirren geht, Antisemitismus und Nationalsozialismus aber deutliche, harte Schatten vorauswerfen: Corpsstudent Knuzius etwa hat schon einen höchst unangenehmen Jargon drauf.

Kuhnert hat nichts davon weginszeniert, ihre deutschnationalen Kriegsveteranen deuten schon den Hitlergruß an. Doch dick ist ihr Konturenstift auch in allen anderen Szenen, prall und drall geht es zu auf dem Weingut Jean Baptiste Gunderlochs. Man flucht und mault, man säuft und prügelt sich – nach der Pause sind die meisten verpflastert, hat Rheinschiffer Jochen ein blutiges Schienbein –, man fasst den Weibsbildern untern Rock und freut sich aufs Abstechen der Sau. Der Metzger trägt eine blutige Schürze, der Student schnarcht auf dem Misthaufen (Kostüme: Veronika Sophia Bischoff).

Zum beherzten Zugriff passt eine pfiffige Musikauswahl, die „Ich will keine Schokolade“ von Jack Morrow ebenso umfasst wie „Männer“ von Herbert Grönemeyer, „Ich brech die Herzen der stolzesten Frau’n“ wie „Seht Ihr nit die Sau im Garte“, ein altes hessisches Bauernlied, fetzig umkomponiert von Timo Willecke (auch Live-Musik), so fetzig, dass es als Zugabe zum Mitklatschen taugt. Herr Rindsfuß, Rainer Maurer, lässt es rocken.

Überhaupt gefällt der unverstellte, kräftige Zugriff des Ensembles, das gleichsam die Ärmel hochgekrempelt hat und kein (hessisches, aber auch berlinerisches) Blatt vor den Mund nimmt. Ralf Hellriegel ist ein knorriger Gunderloch – aber wie seine Augen leuchten, als Annemarie, Sandra Russo, ihm ihre Zuneigung bekennt. Ida Horst ist mit Charme und Grübchen Gunderlochs Tochter Klärchen, Benjamin Geipel ihr feuriger Jochen, während Thomas Hechler als auf die Mitgift zielender Schuft Knuzius überzeugt. Umstandlos schwenkt er um zu Babettchen, Elisa Glock.

Einem fidelen Ensemble wurde hier eine fidele, nicht zu harmlos-sommerliche Inszenierung quasi auf den Leib geschneidert.

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