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Staatstheater Darmstadt Nicht allein unter Irren

Christian Weise und das Staatstheater Darmstadt drehen beim „Kaufmann von Venedig“ mächtig auf.

Tina Keserovic, hinten Miguel Abrantes Ostrowskij und Christoph Bornmüller. Foto: Joachim Dette

Eine Intendanz im Schauspiel mit Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ zu beginnen, ist keine Problemvermeidungsstrategie. Mit Verve geht das nagelneue Darmstädter Schauspielensemble es an. Das hat Vor- und Nachteile.

Zuerst die Vorteile. Die Bühne (Ausstattung: Jana Findeklee und Joki Tewes) ist ein schlichtes Bretterrund – vage ist an das Globe Theatre zu denken –, das sich drehen und öffnen kann. Auf Knopfdruck zaubert die Technik (also Findeklee & Tewes) per Videotrick eine kunterbunt-nostalgische Tapete herbei. Eben war es wüst und leer und auf einmal schippern skurrile Gesellen Richtung Belmont zur schönen Portia: Das Hoppla-hier-bin-Ich einer jeden Theaterproduktion wird zu Beginn der Amtszeit von Karsten Wiegand neckisch zelebriert. Auch das Personal schafft sich durch den Zuschauerraum nach vorne, hängt, kicher, die falsche Stückankündigung auf und zeigt sich uns als aus elisabethanischer Zeit vergnügt herüberschwappendes fahrendes Volk. Das freilich eine Weile bleiben wird.

Buster und das Rumpelstilz

Wobei die beiden spektakulären Besetzungen des Abends nicht auf der Liste des festen Ensembles stehen: die junge Melancholikerin Tina Keserovic als Kaufmann Antonio und jüdisches Mädchen Jessica sowie die höchst alerte Catherine Stoyan als Shylock und Lorenzo. Zusammen sind sie ein Coup. Beide nicht zum Lachen aufgelegt, Keserovic mehr nach Art von Buster Keaton, Stoyan mehr nach Art eines drahtigen Rumpelstilz’. Beide dem Bizarren des Unterfangens gegenüber gleichwohl offen. Dabei ähneln sie einander, erinnern aneinander wie die Seiten derselben Münze.

Dass sie sich in ihren jeweils zweiten Rollen als jugendliches Paar finden und so auch am Ende des Stückes präsent sind, mildert den bösen Verlauf auf eine intelligente, friedfertige Weise. Es ist nur eine Geschichte, Shylock eine Schauspielerin, die noch einen anderen spielt.

Um die beiden herum bekommt der Affe Zucker. Regisseur Christian Weise will es offenbar so haben und zieht das durch, lässt das durchziehen. Klamauk und Trash regieren, Jens Dohle und Falk Effenberger spielen vom Rand U-Musik ein. Die unfassbar schlechten (zotigen, homophoben, rassistischen) Witze des unterirdischen Narren Gratiano (Miguel Abrantes Ostrowskij) bereiten aber den Boden vor, die Demütigung Shylocks, nun begleitet von außerordentlich grunzendem Lachen, einzuordnen. Keiner wird zu diesem Zeitpunkt noch bezweifeln, dass Venedig von Karikaturen, Scheusalen, Irren bewohnt wird. Jessica ist eine schlappe Girlie-Kopie, Bassanio (Christoph Bornmüller) ein greller Halbschlaukopf, der winzige Doge (Jana Zöll) ein plappriger Bürokrat, Portia (Nadja Stübiger) die energiegeladene lustige Schnalle von nebenan. An ihrer Seite Yves Wüthrich als Dienerin, bei der man nicht weiß, ob sie ein Mann ist, der eine Frau spielt, oder eine Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau spielt. So rigoros wie bei Weise werden selbst bei Shakespeare die Geschlechter selten aufgelöst. Sympathisch ist die Gesellschaft nicht, aber munter.

Shylock ist einer von ihnen. Das aber, geschickt eingefädelt, geht trotzdem nur zum Teil auf. Das sind jetzt die Nachteile. Weise muss nicht den Soziologen geben. Das Unbehagen wird aber bloß zur Seite gelacht und steht noch im Raum: angesichts des unheimlichen Unterschieds, ob eine Mehrheitsgesellschaft über ihr eigenes Schwein-Sein kichert oder über Stoyan mit fremd rollendem r und Karnevalsschläfenlocken. Obwohl sie, schon wieder ein Vorteil, geradezu ingeniös aus der Rolle fällt, als Shylock seinen Monolog über die Normalität der Menschen vorträgt.

Ob es sich für diese Fallhöhe lohnt, den „Kaufmann“ zu der Privatfernsehenkomödie zu machen, die er nicht ist, bleibt eine Frage. An der Lebhaftigkeit der Spielerinnen und Spieler will man dagegen nicht vorbei.

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