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Staatstheater Darmstadt In einer schrillen Hölle

Claudia Bossad bringt in Darmstadt Roberto Bolaños großen Roman „2666“ auf den Punkt.

Darmstadt
Der Clown-Professor und der Kritiker: Christian Klischat, Bela Milan Uhrlau. Foto: Nils Heck

Die Welt ist eine Hölle. Voller Schmerz und Gewalt schreibt sie Geschichte und konzentriert ihre zerstörerische Gewalt an manchen Orten par excellence. So ein Ort ist auch Santa Teresa im Norden Mexikos, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Hier liegt das Epizentrum von „2666“, ein Roman Roberto Bolaños aus dem Jahr 2004. Posthum veröffentlicht, wurde dieses Werk als Jahrhundertroman gefeiert und stellte mit seinen mehr als tausend Seiten einen Höhepunkt der südamerikanischen Literatur dar.

Die Frage, die sich nun das Theaterpublikum in den Kammerspielen des Darmstädter Staatstheaters stellt, ist, wie so ein Epos auf gerade mal zwei Stunden heruntergebrochen werden kann. Die Zweifel sind schnell verflogen, als sich die Inszenierung von Claudia Bossard vor einem vollen Haus aufbaut. Bedrohlich und mit intensiver Akustik startet das Stück, nur um kurz darauf in eine merkwürdige Stille zu verfallen. Jetzt spricht einzig das schrille Bühnenbild von Daniel Wollenzin und ein einsamer Buchkritiker namens Jean-Claude Pelletier, gespielt von Béla Milan Uhrlau.

Vor einer Kulisse aus Neonfarben und einem großen Mottenbildnis hält der junge Franzose einen Monolog über seine erste Begegnung mit den Werken des mysteriösen deutschen Autors Benno von Archimboldi.

Wenig später gesellt sich Liz Norton zu ihm, gespielt von Mona Kloos, sie ist ebenfalls Buchkritikerin und auf den Spuren Archimboldis. Gemeinsam reisen sie nach Santa Teresa, dort soll sich der geheimnisvolle Autor und Nobelpreisanwärter aufhalten.

Doch anders, als in ihren romantischen Fantasien ausgemalt, erwartet sie in der nordmexikanischen Stadt nicht ein literarisches Paradies, sondern die Hölle auf Erden. Geplagt von einer Frauenmordserie und einer Welle aus anderen Gewaltverbrechen, versinkt die Grenzstadt im Chaos. Ausdruck dieses Wahnsinns ist der Literaturprofessor Óscar Amalfitano, gespielt von Christian Klischat. Gekleidet wie Ronald McDonald erzählt er den beiden Neuankömmlingen von den Grauen in der Stadt und hilft ihnen gleichzeitig bei der Suche nach Archimboldi. Unterbrochen wird das teils humoristische Miteinander nur von Videoeinspielern, auf denen Ernest Allan Hausmann als US-amerikanischer Journalist düstere Prognosen und Kommentare zu Santa Teresa abgibt.

Die im Roman vom Autor klar getrennten fünf Unterkapitel verschwimmen in dieser Inszenierung zu einem großen Komplex, der sich im Laufe des Abends immer weiter zuspitzt und abdreht. Ein schwarzweißer Vertigostrudel auf der Bühne symbolisiert die Sogkraft, die das Stück entwickelt, das erst im allerletzten Moment das Publikum in eine tiefe Schwärze entlässt.

Es ist eine intensive, schrille Darbietung, in der manchmal nicht klar ist, welcher Charakter nun von welchem Darsteller,welcher Darstellerin gespielt wird. Trotz allem ist die Umsetzung aber gelungen und bringt Bolaños Werk präzise auf den Punkt.

Staatstheater Darmstadt: 13. Oktober. 10., 16., 22. November. www.staatstheater-darmstadt.de

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