Lade Inhalte...

Staatstheater Darmstadt Götter lieben keine Ziegen

Auch in Darmstadt wird jetzt die Barockoper „La Calisto“ gespielt, und das auf herrliche Art.

17.04.2016 17:44
Stefan Schickhaus
Von der Göttin bis zum Wiederkäuer reichen die Verwicklungen, bisweilen sind sie friedlich. Foto: Michael Hudler

Spieglein, Spieglein an der Wand, welche ist die meistgespielte Cavalli-Oper im In- und Ausland? „Giasone“, sagt der Statistikspiegel, hat in den vergangenen Jahren die meisten Neuinszenierungen erlebt. Aber du, „La Calisto“, wurdest einfach häufiger gespielt. Und überraschend häufig sogar im Rhein-Main-Gebiet: 2011 in Frankfurt, 2014 in Wiesbaden, jetzt hatte diese 365 Jahre alte Barockoper von Francesco Cavalli am Staatstheater Darmstadt Premiere. Zwar konkurriert – wieder rein statistisch – der beliebteste Cavalli mit der zwölftbeliebtesten Händel-Oper. Aber der Komponist im Allgemeinen und „La Calisto“ im Besonderen sind ist klar im Kommen.

Es ist aber auch eine herrliche Oper! Die Handlung verfahren wie bei allen Barockopern, die Musik erfrischend, der Konversationston betont locker. Wobei jede Produktion da anders klingt, denn der Komponist hinterließ eine denkbar reduzierte Partitur, meist nicht mehr als eine Bass- und eine Gesangsstimme, mal ein Paar Violinen dazugesetzt.

Für Darmstadt, wo „La Calisto“ jetzt in einer Koproduktion des Staatstheaters mit der Frankfurter Musikhochschule und deren Abteilung Historische Interpretationspraxis auf die Bühne des Kleinen Hauses gebracht wurde, hatte der Frankfurter HfmDK-Professor Günther Albers eine Aufführungsfassung erstellt – mit reichem Instrumentarium, zu dem Blockflöten, Gamben, Lauten, Cembali, Posaune, Orgel und ein schnarrendes Regal gehören. Und ein Schlagzeug, das – vielleicht etwas zu viel des Guten – beinahe im Dauereinsatz war.

Kein Wunder, dass sich der Klang mitunter dem recht beschwingten Barockzugriff von Christina Pluhars Ensemble L’Arpeggiata annäherte, was wirklich nichts Schlechtes ist. Kleine Abstecher in Neuland inklusive, man beachte den genüsslichen Tristan-Akkord zur Liebesleid-Arie des Hirten. Vom zweiten Cembalo aus dirigierte der neue Darmstädter Kapellmeister Michael Nündel.

Gut ein Dutzend Sängerinnen und Sänger verwickeln sich für „La Calisto“ im Liebesgestrüpp, die Darmstädter Besetzung führt etliche Frankfurter Studierende auf. Junge Stimmen, ganz gerade geführt, tolle Bühnenerscheinungen zudem, echte Talente.

Aber auch die sozusagen ausgewachsenen Protagonisten zeigen hier eine überzeugende Barockkompetenz: Katja Stuber als Nymphe Calisto etwa, seit 2014 ist sie Ensemblemitglied am Staatstheater, eine superbe Sopranistin, glasklar und warm zugleich. Oder die Mezzosopranistin Amira Elmadfa, die als Juno die Bühne beherrschte wie keine Zweite. Das machten im Grunde alle Barockproduktionen der jüngsten Zeit in der Region klar: Hier kann man regelmäßig Stimmen kennen lernen, die eine unglaubliche Frische versprühen. Der Barock nährt den Jugendkult trefflich.

Das Alter aber steht über den Dingen, zumindest hier in der Inszenierung der ebenfalls jungen Cordula Däuper. Quasi auf dem Dach der als einfaches Bretter-Jahrmarktstheater sich gebenden Bühne (aus- und gut durchdacht von Ralph Zeger) sitzen die allegorischen Gestalten der „Natur“ und der „Ewigkeit“, gesungen von Elisabeth Hornung und Annette Luig. Wenn sie nicht singen, stricken die Damen oder trinken ein Gläschen für den Kreislauf, und sie beobachten die ganze Szenerie wie einst die grauen Grantler Waldorf und Statler in der Muppet-Show. Beobachten, wie unten sich die Götter, Nymphen, Satyrn und sonstige Mischwesen verzehren vor Liebesschmerz, weil es immer anders kommt, als es der natürliche Lauf der Dinge empfehlen würde. Aber Natürlichkeit ist der Barockoper Sache nun nicht – zur Freude des Publikums, die zur Recht groß war.

Ein „kleines Schwänzlein“ habe der lustmolchige Satyr, wurde im zweiten Akt festgestellt, und er solle doch „Ziegen lieben“ und keine Göttinnen. Soweit, da aktuelle Bezüge herzustellen, ging man in Darmstadt nicht, man respektierte die Grenzen der Satyre, äh Satire. Wobei die deutsche Übertitelung schon sehr launig frei war, ein nicht unwichtiger Finger an der gekonnt leichten Hand der ganzen Produktion.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen