Lade Inhalte...

Staatstheater Darmstadt Facetten einer Flucht

Die Uraufführung „Sieg Gottes“ am Staatstheater Darmstadt versetzt in die Innenwelten eines afghanischen Jungen.

Staatstheater Darmstadt
Die Zerstörungswut wird rückhaltlos sichtbar gemacht. Foto: Thorsten Wulff

Die Uraufführung „Sieg Gottes“, die am Staatstheater Darmstadt in enger Zusammenarbeit mit afghanischen und iranischen Künstlern entwickelt worden ist, setzt sich eindrucksvoll von bisherigen Flüchtlingsgeschichten ab. Niemand wird hier hingestellt, um Empathie zu wecken. Das von Katharina Raffalt, Hassan Siami und Moritz Schönecker aus Interviews entwickelte Stück zeigt nüchtern und (selbst-)kritisch die Facetten eines Weges, die den afghanischen Jungen Nasrullah vom Tauben züchtenden Kind, zum Befreiungskämpfer, Opium-Abhängigen und Asylsuchenden gemacht haben. 

Der Erzählfaden folgt den assoziativen Sprüngen der Erinnerung. Das mag zunächst verwirren, idyllische Momente stehen manchmal abrupt kriegerischen Szenen gegenüber. Immer wieder wechseln beschauliches Dorfleben und bedrohliche Momente im Kampf gegen die sowjetische Besatzungsmacht oder Szenen in Deutschland einander ab. Ort und Zeitverknüpfungen folgen einer psychologischen Logik, ein aktentauglicher Lebenslauf lässt sich so kaum nachvollziehen.

 

Doch das ist nicht das Ziel dieser Inszenierung. Sie zieht eher hinein in die Innenwelt des afghanischen Flüchtlings Nasrullah. Mehdi Moinzadeh, der selbst als Zehnjähriger mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland kam, gibt der Figur eine wache, aber auch raue Präsenz. Moinzadeh hat in Filmen der iranischen Regisseurin Shirin Neshat („Women Without Men“ und „Auf der Suche nach Oum Kulthum“) mitgewirkt und ist als Ermittler in Kieler Tatorten aufgetreten.

Mit überzeugender Souveränität leistet er die zahlreichen Sprünge, die ihn mal zum Kind und mal zum gestrandeten Flüchtling machen. Immer bleibt spürbar, dass reale Erfahrungen das Stück prägen. Das gilt auch für Situationen, die Tabugrenzen berühren. Gezeigt wird beispielsweise ein Besuch bei Nasrullahs Onkel in Kabul. Dort muss der „bartlose Junge“ Gäste seines Onkels bedienen, vor ihnen tanzen und sexuelle Spiele ausüben. Diese als „Bacha Bazi“ bezeichnete traditionelle Praxis hatte den Jungen anschließend in die Flucht und in die Hände von Kampftruppen getrieben. Ein Teufelskreis setzt ein, Nasrullah wird abhängig von Opium und Heroin. Später, in der Warteschleife des Asyls, hängt er mit Alkohol ab, wird übergriffig gegenüber Frauen.

Die Inszenierung spart zwar nicht mit Einblicken in die Schattenseiten einer Fluchtgeschichte und macht psychische Zerstörung rückhaltlos sichtbar, doch schafft sie es, Gegengewicht zu entwickeln. Die Rückblicke in die dörfliche Welt der Kindheit, und die immer wieder live eingespielte, traditionelle, iranische und afghanische Musik mit Amen Feizabadi (Robab, Setar, Synthesizer, Gesang), Pouya Raufyan (Harmonium, Gesang) und Philipp Strüber (Schlagwerk), bilden die tragenden Säulen des Stücks.

Geschickt ist zudem die Bühne (Benjamin Schönecker) wie ein Zeltplatz inmitten grüner Pflanzen und roter Blumen auf felsigem Grund gestaltet. Je nachdem, ob hier bewaffnete Mudschaheddin oder ein Fahrrad fahrendes Mädchen (Anabel Möbius) auftreten, wandelt sich der Ort in eine dörfliche Idylle oder ein Kampflager. Gelegentlich wird zudem aus dem Untergrund ein offener, containerförmiger Raum hochgefahren, in dem dann beispielsweise in Kabul die Knaben tanzen oder in Deutschland Asylinterviews karikierend nachgespielt werden. 

Trotz der zahlreichen Orts- und Zeitsprünge geben Indikatoren wie die Musik oder auch die im Wechsel gesprochene Sprache Farsi oder Deutsch (die Übersetzung wird jeweils übertitelt) deutliche Hinweise, an welchem Ort man sich gerade befindet. Darüber  ist ein bereicherndes Gesamtwerk entstanden, das nachwirkt. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum