Lade Inhalte...

Staatstheater Darmstadt Ein entsetzliches Paar

Das Darmstädter Staatstheater zeigt Friedrich Hebbels „Judith“ als fortwährenden Alb zweier Todesbereiter.

Szene
Judiths Kammer mit Jessica Higgins, Béla Milan Uhrlau und Anabel Möbius. Foto: Robert Schittko

Mit Judiths Geschichte muss nicht nur Judith erst einmal fertig werden. Unter den männergefährdenden Frauen aus dem biblischen Umfeld – Salome, Dalilah wären zu nennen – nimmt sie eine Sonderstellung ein, indem sie nicht nur ein überdurchschnittliches Risiko eingeht, sondern auch selbst Hand anlegt. Man könnte sich vorstellen, dass der Darmstädter Regisseur Alexander Nerlich Artemisia Gentileschis fabelhaft nüchternes Judith-Gemälde vor Augen hatte, als er Jessica Higgins (Judith) und Anabel Möbius (ihre treue Dienerin Mirza) dazu anhielt, nur recht tüchtig am Hals des Holofernes herumzuwerken. Es ist ohne weitere Kenntnis in der Sache und ohne brachiale Bewaffnung nicht einfach, einen Menschen zu töten. Dass die Szene in Darmstadt auch ein bisschen grotesk ausfällt und man etwa den bereits im Eimer befindlichen Kunstkopf gut sehen kann: Schwer zu sagen, ob das Absicht ist.

Ein pausenloser Zweistünder ist im Kleinen Haus zu sehen, überzeugend im Kunstwillen, überzeugend auch im damit verbundenen Versuch, Friedrich Hebbels erste Tragödie (von 1840) in ihrer ganzen Aufgeladenheit zu zeigen und auch ernstzunehmen, ohne sich auf ein kaum zu fassendes realistisches, psychologisch plausibles Terrain zu begeben. Oder womöglich gar zu aktualisieren, was nicht zu aktualisieren ist (nie aktuell war, meine Damen und Herren, eine Geschichte nicht von dieser Welt). Eine Menge Text (und Personal) entfällt für das auch tänzerische Spiel der Körper, Nerlich ließ sich dafür von den Choreografinnen Jasmin Hauck und Cecilia Wretemark und den Puppenspielerinnen Dorothee Metz und Vanessa Valk unterstützen. Und geht seinerseits ein Risiko ein – Bilderwucht gegen Dialog –, das ganz gut aufgeht.

Holofernes’ Lager ist ein apokalyptischer Ort, von schwarzen, amorphen Objekten übersät (Bühne: Flurin Borg Madsen), dazwischen kümmerliche Soldaten, die zu Recht das Schlimmste erwarten, wenn ihr Anführer sie ruft. Hier regiert nicht nur ein um die Genfer Konventionen unbekümmerter Feldherr, sondern auch ein Blaubart. Der Schauspieler Daniel Scholz, geschickt so zurechtgemacht, dass auch sein eigenes Antlitz puppenhaft wirkt, huldigt perversen Fantasien, in denen zerstückelte Frauenkörper (Puppen) eine zentrale Rolle spielen. Lust und Liebe werden auch nachher nicht ineinander fließen, Liebe ist kein Begriff und keine Option für diese „Judith“. Holofernes, unruhig, rasch gelangweilt, schlaff mit Körperteilen hantierend, befindet sich in einem totalen Albtraum, in dem er sich nicht leid tut. Uns tut er auch nicht leid. Aber es ist entsetzlich.

Judiths Sphäre, ihr Zimmer im belagerten Bethulien (hier trägt man etwas farbigere Sack-Kleidung, Kostüme: Zana Bosnjak), fährt aus dem Bühnenboden heraus. Jessica Higgins klebt wie ein Insekt an der Wand, bald sieht man, wie auch sie von Träumen heimgesucht wird, erotischen und völlig rätselhaften. Sie quetschen sich buchstäblich durch die Ritzen der hölzernen Kammer. Higgins ist eine sportliche, aber auch sehr individuelle, präsente Darstellerin, die es schafft, ihrer Judith noch eine Menge Kühnheit in die herbe Anlage der Figur zu geben. Mit Anabel Möbius bildet sie ein androgynes, männerabgewandtes Paar.

Zumal Nerlich deutlich machen kann, dass für ihn Judith wirklich nur die andere Seite von Holofernes ist: Todessehnsucht schlummert in beiden, ein Fertigsein mit der Welt. Vielleicht kann es darum am Ende so schnell so handwerklich werden. Eine übrigens unsympathische Inszenierung mit breitem Pinsel. Aber hier wirbt keiner um Sympathie, und den Pinsel wissen sie zu nutzen.

Staatstheater Darmstadt: 13., 16., 22., 28., September. www.staatstheater-darmstadt.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum