Lade Inhalte...

Staatstheater Darmstadt Die im Regen stehen

Wehe dem, der auf die falsche Seite geraten ist: Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, prägnant und intensiv inszeniert von Christoph Mehler.

Glaube Liebe Hoffnung
„Glaube Liebe Hoffnung“ in Darmstadt: Anabel Möbius und Daniel Scholz, Elisabeth und ihr Schupo. Foto: Robert Schittko

Wie leicht kann der soziale Status, in den man hineingeboren wird, aus eigener Kraft verändert werden? Die Frage ist tief in Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ eingeschrieben und gibt dem Stück bis heute Aktualität. Am Staatstheater Darmstadt ist in der Regie von Christoph Mehler jetzt eine bewegende Inszenierung entstanden. Sie beginnt mit Dauerregen. Das wirkt am wolkenlosen Premierenabend besonders skurril. Es regnet Bindfäden auf die Theaterbühne. Das Wasser spritzt am Boden nur so hoch. Elisabeth (Anabel Möbius) steht eine Weile reglos in diesem Guss, dann geht sie mit leisem Lächeln auf das Publikum zu und sagt „Entschuldigung“.

Wofür eigentlich? Der Grund für ihr Beschämt-Sein wird nicht erklärt, die Bühne (Ausstattung: Jennifer Hörr) ist schwarz und leer. Nach und nach werden jedoch Zonen erkennbar, die den Aufenthalt mehr oder weniger angenehm machen. Im hinteren Bereich zum Beispiel, kommt man auch stehend voran. Ein Laufband führt die, die als Diener des Staates tätig sind und ihr Karriereziel fest im Blick behalten, stetig vorwärts. Elisabeth hingegen, Tochter eines Versicherungsinspektors, steht inmitten einer stabilen, die Mittelbühne fast vollständig ausfüllenden Regenzone. Nur am Rand kommt man rechts und links trockenen Fußes nach vorn.

Elisabeth wirkt ahnungslos jung. Irritierend zufrieden lächelt sie, als sie versucht, ihren Körper für Forschungszwecke zu verkaufen. Die Hoffnung auf ein Leben außerhalb der Regenzone ist noch lebendig.

Erst allmählich wird diese Unbefangenheit verloren gehen. Anabel Möbius entfaltet diesen inneren Wandel überzeugend subtil. Nie gelingt es Elisabeth, die nasse Sphäre zu verlassen. Jeder, der sich von ihrer sanften Ruhe angezogen fühlt, gerät selber in die Gefahr, auf dem feuchten Grund auszurutschen und niedergerissen zu werden.

Bürokratische Hürden haben zu Elisabeths Stigmatisierung geführt. Immer wieder scheitern ihre Versuche, sich aus dem Teufelskreis von Regelungen, Strafgebühren und Folgesanktionen zu befreien. Gerade diejenigen, die sich im sicheren Bereich der Gesellschaft befinden, verhindern aktiv, dass dieser Aus- bzw Aufstieg gelingt. Für einen kurzen Moment verwandelt sich die Bühne in eine erotische Tanzfläche. Das Solo in Glitzerlicht und Regen gehört zu den ästhetischen Höhepunkten der Inszenierung. Die Tänzerin (Katharina Hintzen) vollführt auf spiegelglattem, nassem Grund einen kleinen Totentanz, sie fällt, steht wieder auf und fällt erneut.

In prägnanten Szenen hat Christoph Mehler das destruktive Handeln all derer, die sich gesichert fühlen, erkennbar gemacht. Wie ein IM-Spitzel nähert sich beispielsweise Frau Amtsgerichtsrat (sehr fein von Nicole Kersten gegeben) Elisabeth gerade in dem Moment an, als sich durch die Liebe eines Schupo (Daniel Scholz) das Blatt für Elisabeth wenden könnte.

Die Amtsgerichtsrätin befindet sich außerhalb der Regenzone und spricht scheinbar Anteil nehmend mit Elisabeth, die zwar direkt neben ihr, aber doch im Regen steht. Wie zum Trost legt die Ehefrau des Amtsgerichtsrats – ein eigener Name wird nicht genannt – ihre Hand auf Elisabeths Schulter. Wenig später wird sie jedoch ihr Wissen nutzen, um deren Zukunft zu zerstören.

Die Inszenierung ist reich an sprechenden, gesellschaftliche Substrukturen ins Bild setzenden Momenten. Wohltäter töten indirekt und manchmal auch ungewollt. Nur wenige fühlen sich – wie der Präparator (Jörg Zirnstein) – am Selbstmord(-versuch) Elisabeths schuldig.

Staatstheater Darmstadt, Kleines Haus: 9., 12., 18., 24. Mai, 9. Juni.
www.staatstheater-darmstadt.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen