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Staatstheater Darmstadt Der Tyrann erzählt einen Witz

„Caligula“ ist in der Inszenierung von Christoph Mehler weit halbherziger als bei Albert Camus.

Bornmüller und Drechsel
Der Tyrann und seine Frau: Christoph Bornmüller mit Gabriele Drechsel. Foto: Robert Schittko

Obwohl es manchmal auch etwas albern ist, wenn sich Theater um gar zu sichtbare Anbindungen an die Tagespolitik bemüht, so wirkt es doch kurios, wenn es stattdessen im luftleeren Raum bleibt. Albert Camus’ „Caligula“, Ende der 30er Jahre begonnen, 1945 uraufgeführt und erst 1959 auf Deutsch erschienen, erzählt von enthemmtem Autokratentum und dem sich im Establishment recht mühevoll formierenden Widerstand dagegen. Es wäre ein Leichtes, darin ein Stück zur amerikanischen und in mancher Hinsicht auch europäischen Stunde zu sehen. Es mag wohl auch sein, dass es deshalb an den Darmstädter Saisonstart gekommen ist – und das deshalb auch Oliver Reese als neuer Chef des Berliner Ensembles seine erste Spielzeit damit beginnen lässt –, aber Christoph Mehler lässt sich davon nichts anmerken. In den Kammerspielen in Darmstadt zeigt sich die Geschichte um den Politiker, der sich alle Freiheiten nimmt, als am Ende liebevoll, aber unverbindlich inszenierter Alptraum.

Die stärkere Einbeziehung des zu zwei Seiten der Spielflächen sitzenden Publikums ist dabei ein geradezu rührendes Beispiel für eine halbherzige Forschheit, die Caligula, aber nicht dem Stadttheater völlig abgeht – Caligulas Politikstil besteht ja gerade im Durchexerzieren der totalen Bedenkenlosigkeit. Zwar soll ein Zuschauer, der auf der einen Seite sitzt, nun auf der anderen Seite einen ausdeuten, der hingerichtet werden soll. Aber allzu weit treibt es der Tyrann nicht damit. Auch die Aufforderung zum Witzeerzählen ist nicht so ernst gemeint. Empfindliche Theaterbesucher werden schon sehr viel stressigere Situationen erlebt haben. Die Demütigung der Höflinge wiederum, die sich nackt ausziehen müssen, ist unangenehm, aber aus nicht erfindlichen Gründen treten sie eh schon leicht bekleidet auf.

Vielleicht haben sich Mehler und seine Ausstatterin Jennifer Hörr zu sehr in die schön aussehende, aber auch recht allgemein gehaltene optische Gestaltung verguckt (die so gut zu einem Heiner-Müller-Stück gepasst hätte, dass es nicht erstaunt, wenn schließlich auch Heiner-Müller-Text eingeflochten wird). Die Kostüme signalisieren eine Mischung aus Restbarock und Sado-Maso-Szene, in der Mitte hängt eine Schaukel: Thron, Spielgerät und Galgen.

Christoph Bornmüller zieht von hier aus die Fäden, ein weicher, melancholisch blickender Zottelkopf, der allein Kraft seines Amtes Angst machen kann. Zum dräuenden Klangteppich (der einmal ein Moratorium bräuchte um festzustellen, ob Spannung noch ohne ihn herstellbar ist) gibt David Rimsky-Korsakow eine Portion „Tristan und Isolde“, die Musik der Depressiven, wie Lars von Trier richtig erkannte.

Weh tut das nicht. Der Eindruck von Unverbindlichkeit entsteht vielleicht auch, weil die Umgebung chorisch, choreografiert und trotz erheblichen Engagements der Spieler unindividuell bleibt. Das ist natürlich Konzept, aber zu vielseitig verwendbar: Scipio etwa, fesch und zur Abwechslung zu dritt und polyglott, Katharina Hintzen, Alisa Kunina, Yana Robin la Baume. Nur Caligulas Frau Caesonia, Gabriele Drechsel, steht für sich selbst und erinnert den Tyrannen daran, dass Maßlosigkeit nicht das Maß aller Dinge ist.

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