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Staatstheater Darmstadt "Der nackte Wahnsinn" Sie ziehen es durch

Michael Frayns „Der nackte Wahnsinn“, angemessen überkandidelt und mit großem Körpereinsatz am Staatstheater Darmstadt.

Karin Klein als Belinda als Flavia, immer noch mit Hingabe im desaströsen dritten Akt. Foto: Michael Hudler

Wie passend, dass Regine Vergeen, die als Schauspielerin schon so ungefähr alles gesehen und erlebt haben dürfte, ihr 50-Jahre-Bühnenjubiläum nun bei der Premiere von Michael Frayns Theaterhysterie „Der nackte Wahnsinn“ feiern konnte. Am Staatstheater Darmstadt hat Caroline Stolz das sich in immer absurderen Purzelbäumen überschlagende Stück auf die einzig richtige Art und Weise inszeniert: als rasenden, herrlichen Quatsch. Aus dem aber, wer will, einiges über die Zumutungen eines Berufsstandes erfahren kann. Ja, doch, der Regisseur würde auch lieber „Hamlet“ inszenieren. Aber als er dann „Hamlet“ inszenieren darf, bekommt der Hauptdarsteller kurz vor der Premiere psychische Probleme, zaudert. Ja doch, der sensible Schauspieler hat vielleicht ein Recht darauf, die Motivation seiner Figur erklärt zu bekommen. Aber jetzt soll er einfach mal die Klappe halten und weiterproben.

Ein großbürgerliches Vestibül mit breiter Treppe in den ersten Stock, mit Türen links, rechts, oben, unten (jede ordentliche Komödieninszenierung braucht Türen) haben Lorenza Díaz Stephens und Jan Hendrik Neidert (Bühne und Kostüme) aufbauen lassen. Plus rückseitiger Hinterbühnen-Armseligkeit für den zweiten Akt. Plus ramponierte Vorderseite – aus der schicken weißen Couch quillt die Füllung, der Servierwagen ist mit Pappe verstärkt – für den dritten Akt.

Sie zoffen sich lautlos

Die Geschichte ist: Erster Akt, eine Tourneetheater-Truppe probt, es ist die Nacht vor der Premiere. Eine Tourneetheater-Truppe zofft sich hinter der Bühne, aber bitte lautlos!, während vorn die Show weitergehen muss. Schließlich ist man bei der 98. Aufführung und nicht nur das Mobiliar hat gelitten. Im dritten Akt entsteht der Witz vor allem daraus, dass einem Teil der Schauspieler auch schon alles egal ist, während die anderen versuchen, die Sache korrekt durchzuziehen. Sie halten einen Erste-Hilfe-Koffer als „Wärmflasche“ hoch, sie rufen „kein Kleid“, obwohl es vor ihrer Nase liegt. Denn ist nicht Schauspielerei sowieso, zu tun als ob?

Regine Vergeen ist die Haushälterin, die auf einen ruhigen Fernsehabend hofft und nicht ohne ihre Sardinen sein kann (irre Sardinen-Teller-Tausch-Aktionen ziehen sich durchs Stück). Katharina Hintzen gibt ein quietschiges Blondinchen wie aus dem Klischee-Bilderbuch – aber sie zieht die Chose durch, mögen auch alle anderen ihre Auftritte vergessen. Hubert Schlemmer ist das Schauspielersensibelchen (aber warum nochmal soll er an dieser Stelle mit Tasche und Karton abgehen?). Karin Klein behält als Belinda wie Flavia die Nerven, während Ulrich Cyran als Einbrecher immer im falschen Moment auftritt. „Regisseur“ Christian Klischat steht von Anfang an (bzw. sitzt im Zuschauerraum) auf verlorenem Posten, das aber mit Verve. Katharina Susewind, Regieassistentin Poppy, und Christian Bayer, Inspizient Tim, können auch nichts retten. Wolfgang Böhm schließlich purzelt als windiger Immobilienmakler so spektakulär und jedes Stuntmans würdig die Treppe hinunter, dass das Premierenpublikum eine Zugabe möchte.

Am Ende gibt es verdienten Jubel für diese grandios überkandidelte Choreographie des nackten Wahnsinns.

Staatstheater Darmstadt: 24. November. 12., 25., 31. Dezember. www.staatstheater-darmstadt.de

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