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Staatstheater Darmstadt Den Spielzeughund entleiben

Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ verliert sich am Staatstheater Darmstadt im Bühnenallerlei.

Das "Präsidentinnen"-Trio-infernale: Mariedl (Gabriele Drechsel), Grete (Liese Lyon), Erna (Karin Klein). Foto: Jonas Götz

Die Bühne ist wie der verschachtelte Schlund der Frankfurter Hauptwache, nur möblierter. Hinten rechts steht eine gelbe Telefonzelle, das ist schon fast Nostalgie. Hinten rechts hängt ein mehr als menschengroßer Jesus am Kreuz, splitternackt. Vorn Sitzmöbel mit Schäferhundbezug, auch schick, ein Regal mit Glaubenszubehör und blinkendem „Exit“, eine Trage mit Gerippe (ihr Ex-Mann) und Hakenkreuzfahnen, letztere schamhaft verwurstelt. Für das Mariedl gibt es von Bühnen- und Kostümbildner Cedric Kraus einen Aufzug zu ihren Klo-Einsatzstellen. Für Grete gibt es einen Flickenhund auf Rollen. Für Erna hinten neben der Telefonzelle eine Leinwand, auf der sie Messe gucken kann. Podeste und Ebenen greifen ineinander, aus dem Untergeschoss dampft immer wieder ein Schub Theaternebel. Dort muss die Hölle sein, zweifellos.

Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ ist ein Text, der kraftmeierisch auftritt, der die Sprache auftürmt und kein Blatt vor den Mund nimmt, es sei denn ein Blatt Klopapier. Denn Mariedl findet ihre Erfüllung im Beheben von Kloverstopfungen – und ist eine umso reinere Torin. Sie „macht es ohne“ (ohne Gummihandschuhe) und ist darum berühmt. Im Kot versteckt ihr der Herr Pfarrer ein Fläschchen „Parfeng“. Gretes vom Vater missbrauchte – „bestrafte“, sagte Grete – Tochter ist vor Jahren schon möglichst weit weggezogen, nach Australien. Hängt sie ihre Liebe halt an Lydia, die Hündin. Und Erna hat Gefallen gefunden am polnischen Metzger, dessen Leberkäs so billig und Glaube so fest ist. „Leberkäsbischof“ schimpft ihn die Grete. Man gerät sich in die Haare.

In der Darmstädter „Präsidentinnen“-Inszenierung von Mathias Znidarec ist der Streit kaum noch eine Steigerung, denn es herrscht auf der Bühne von Anfang an ein gewisser hektischer Aktionismus. Zwar steht auf der Besetzungsliste ein „Sprechcoaching“ (Deborah Ziegler), aber so recht scheint Znidarec nicht zu glauben, dass doch vor allem die virtuose und virtuos grobianische Sprache das Stück trägt.

Nicht auf den Mund gefallen

Karin Klein als Erna – weiß Gott nicht auf den Mund gefallen, sich auf scharfes Plappern verstehend – läuft immer wieder um fünf Ecken nach hinten, dann wieder nach vorn, so dass man fürchtet, sie könnte mal ins Höllenloch stürzen. Liese Lyon als naturgewaltige Grete schmeißt sich auf und über Couch und Stuhl, tanzt mit dem Ehemann-Gerippe. Gabriele Drechsel als Mariedl ist das stille, scheinbar hundertprozentig naive Gewässer – bis sie die Träume der beiden anderen zerpflückt und sich als ebenfalls bissig entpuppt. Zur Strafe wird sie von Erna und Grete ersäuft; man versteht auch endlich, dass das gelegentliche Tropfen aus dem Bühnenhimmel vielleicht doch kein technischer Defekt war. Aber auch die Inszenierung vertröpfelt sich eben ein bisschen, beziehungsweise versendet den Text in allzu großer Hast und allzu viel Möblierung.

Bei Werner Schwab gilt es eher, Pointen zu setzen, die scharf sind wie ein Messer, als dann auch noch den Spielzeughund mit einem solchen zu entleiben und ihm blutiges Gedärm aus dem Plüschbauch zu rupfen.

Staatstheater Darmstadt, Kl. Haus: 24., 31. Oktober, 5., 15. November. www.staatstheater-darmstadt.de

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