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Staatsoper Stuttgart Wenn Kinder am Computer sitzen

„Babbeldasch“-Regisseur Axel Ranisch inszeniert Prokofjews Oper „Die Liebe zu drei Orangen“ hingebungsvoll albern.

Die Liebe zu drei Orangen
Prinz und Prinzessin, er verliebt, sie hochschwanger. Foto: Matthias Baus

Sergej Prokofjews Oper „Die Liebe zu drei Orangen“ aus dem Jahr 1921 entzieht sich ihrer auch musikalisch ausgefüllten Vielschichtigkeit zum Trotz auf freche Weise einer tiefgreifenderen Deutung. Alles liegt ja aufs Schönste offen da. Hier das Gerangel unter unterschiedlich niveauvollen, aber allemal meinungsstarken Theaterfreunden, dort der ewige Machtkampf zwischen Zauberer und Märchenhexe und – damit verbunden – in vorderster Linie der melancholische Prinz, dessen angehexte Liebe zu drei Orangen (denn ohne Hexerei ist eine solche Amour fou nicht zu vermitteln) ihn jäh in einen Springinsfeld verwandelt. Schnurstracks stürzt er sich ins Abenteuer.

Dass er und sein Kompagnon Tipps und Hilfsmittel mit auf den Weg bekommen, legt den Ansatz, den Axel Ranisch für seine Inszenierung an der Oper Stuttgart wählt, bereits sehr nahe: Ranisch, als Filmregisseur unter anderem berühmt-berüchtigt für den Odenthal-Tatort „Babbeldasch“ (also ich fand ihn ja gut), zeigt die Oper als Computerspiel, das außer Rand und Band gerät. Saskia Wunschs Bühne ist ein Pixelland, teils händisch hergestellt, teils animiert (Till Nowak). Das Gefälle, das sich zwischen beschaulicher Handwerks- und rasanter Computerkunst auftut, ist nur irritierend, so lange man glaubt, Ranisch wollte etwas ernsthaft Rundes erzählen. Es ist ihm aber klarer als uns, dass „Die Liebe zu drei Orangen“ nicht notwendigerweise eine ernste, runde Oper ist, und er stürzt sich und die, die bei ihm sind, stattdessen in einen ausgeflippten Spaß. Schund und Unfug haben darin ihren Platz, und die Weihnachtsmärchen-Kostüme (Bettina Werner, Claudia Irro) sind auf Dauer kein Ausdruck von Harmlosigkeit, sondern von Entschlossenheit.

Nach einem Geplänkel aus dem Off zwischen Vater und Sohn, zu diesem Zeitpunkt beide noch unsichtbar, loggt sich Söhnchen ins Spiel ein. Vater geht kochen. Und man könnte sich darum bereits vorstellen, wer er nachher sein wird – sofern man zu diesem Zeitpunkt ausreichend darauf eingestellt wäre, wie albern dieser Abend sich entwickelt, aber auch, wie überlegt die Albernheit ist.

Die Bühne ist die Bildschirmoberfläche – mal mehr, mal weniger –, auf der Rückwand ist manchmal der sehr junge Spieler zu sehen (Kinderchorist Malte Harrach, hier als Schauspieler gefragt und so unbefangen wie überzeugend). In der Tat sieht der Spieler aus, wie Spieler beim Spielen aussehen: konzentriert, nicht von dieser Welt. Im Verlauf der nun klassisch turbulenten Handlung mit Ranküne, Magie, wilder Verknallheit, robusten Kampfeinsätzen geraten Figuren aus dem Spiel auf die andere, seine Seite. Umgekehrt wird er seinerseits in die Handlung hineingesogen, wie ja auch die Theatermeckerer und -enthusiasten immer wieder einmal mitquasseln.

Manchmal sind die Tasten zu sehen, die der Spieler anklicken kann, sie haben schon etwas mit dem Spiel, also der Opernhandlung zu tun, zugleich zeigt sich erneut, dass es nicht im engeren Sinne um Raffinesse geht, sondern um Quatsch. Es ist ein unangenehmes Phänomen, möglichst bescheuert zu sein und sich dann auf Ironie herauszureden, Ranisch bringt sein Publikum aber dazu, schallend zu lachen, nicht dazu, mit den Augen zu rollen.

Das hängt auch mit dem Schwung zusammen, mit dem sich die Beteiligten darauf einlassen. Musikalisch findet Prokofjew eine blendende Verbindung aus einem eisgekühlten, in Stuttgart noch besonders angeschärften Jahrmarktsgedudel und durchaus widerspenstiger Moderne. Süß wird es selten. Bricht Chaos aus – und dies ist regelmäßig der Fall –, so formiert sich auch die Musik zu einem anspruchsvollen, aber eben keineswegs gesitteten Chaos, in diesem Fall hervorragend zusammengehalten von Alejo Pérez. Der Chor der Sonderlinge, Komischen und Tragischen, Lyrischen und Hohlköpfe, der in ein überdurchschnittlich verwickeltes Tohuwabohu geraten muss, wurde von Manuel Pujol sehr gut auf diese Aufgabe vorbereitet.

Das wiederum nonchalant Weihnachtsmärchenhafte der zahlreichen Figuren im Einzelnen ist nach anfänglichem Schreck das Richtige für eine so vergnügte und im Grunde gutmütige Feier des Trash. Der schlappe Prinz, der eingangs als eine Art rosafarbene Riesenraupe auftritt (also selbstverständlich nicht tritt, sondern im Plumeau herumliegt), bekommt von Elmar Gilbertsson einen überhaupt nicht schlappen, vielmehr gleißenden Tenor mit. Stets in seiner Nähe Truffaldino (Prokofjew engagiert klassisches Theaterpersonal und zieht es zugleich durch den Kakao), Daniel Kluge, als stimmlich weicheres, ebenbürtig lebhaftes Pendant.

Die Dame des prinzlichen Herzens wird von Esther Dierkes empfindsam gesungen und rustikal gespielt. Ranisch baut eine kuriose Zusatzgeschichte ein, an deren Ende eine kleine Apfelsine geboren und das Happyend moderner und eigentlich noch netter wird.

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