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Sophiensæle Berlin Rufe ins Nichts

Thorsten Lensing macht hohe Theaterkunst aus David Foster Wallaces Roman „Unendlicher Spaß“.

Thorsten Lensing inszeniert David Forster Wallace: Unendlicher Spaß
Unendlicher Spaß mit Devid Striesow und Ursina Lardi. Foto: David Baltzer

Ein kluger, tiefer, aber auch sehr lustiger Theaterabend in den Berliner Sophiensälen beginnt und endet mit markerschütterndem Gesang, der ins Nichts ruft. Zu Beginn entringt ihn Ursina Lardi als Hal Incandenza ihrem Leib. „Ich bin hier drin. Ich bin nicht, was Sie sehen“, waren die letzten Worte an die Prüfungskommission, die Hal aber offenbar nicht hören kann. Lardis Augen sind aufgerissen, sie korrigiert ihre steife Position auf ihren Plateau-Turnschuhen und entleert ihre Lungen, dass es herzeinfrierend quietscht – so als schabten kalte, rostige Stahlbleche gegeneinander. Stahlbleche, wie sie die Rückwand der ansonsten leeren Spielfläche bilden.

Und vier Stunden später springt der bis auf eine Unterhose und einen Schulterverband nackte, wuchtige Körper von Heiko Pinkowski als angeschossener drogensüchtiger Don Gately auf der Stelle und ruft, ebenfalls ungehört, etwas Schamanisches, bevor er auf den Rücken stürzt und stirbt und erlöst ist von seinen Schmerzen, die er aus Angst vor einem Rückfall nicht behandeln ließ.

Die Verzweiflung, zu rufen und nicht gehört zu werden, etwas zu sagen und nicht verstanden zu werden, zu „konnektieren“, wie es in der Ulrich-Blumenbach-Übersetzung des 1545- Seiten-Romanmonsters „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace heißt, ohne jemanden zu erreichen – das ist vielleicht das Grundmotiv zumindest dieser Inszenierung von Thorsten Lensing. Seine Fassung, an der neben dem Dramaturgen Thierry Mousset auch FR-Autor Dirk Pilz mitgearbeitet hat, konzentriert sich auf die drei Brüder von James Incandenza, genannt Himself, der die renommierte Enfield Tennis Academy gegründet hat und eine Koryphäe des experimentellen Kunstfilms war, bevor er seinen Kopf in die Mikrowelle gesteckt hat, an einem 1. April, als Hal, das Tenniswunder und wandelnde Lexikon, 13 Jahre alt war.

Orin, der älteste Bruder (Devid Striesow) ist ein Footballstar und ein fantastischer Liebhaber, der die Frauen allerdings zur bloßen Selbstbestätigung beglückt. Und Mario (mit hochgebundener Oberlippe und verdreht fixiertem Arm: André Jung) schließlich ist der körperlich grotesk verunstaltete dritte Bruder, der einzige im Bunde, der vielleicht so etwas wie Empathie bekommt und empfinden kann. Die drei können es an diesem Abend locker mit den Brüdern Karamasow aufnehmen, die Lensing vor drei Jahren inszenierte.

Die Monologe und Dialoge werden wie im Buch ohne Rücksicht auf irgendeine Chronologie montiert und spielerisch ausdifferenziert, ein bisschen fühlt es sich an wie ein Ritual, eine Textanrufung. So wie der Schriftsteller, der sich 2008 mit 46 Jahren das Leben nahm, die Virtuosität des Formulierens in garstige Höhen treibt, so spielen sie hier auch. Devid Striesow und Sebastian Blomberg mit irrsinnig komischer und böser Verstellspielplumpheit, André Jung mit locker aus dem Herzen gerissener Güte, Ursina Lardi mit ihrer nicht leicht aushaltbaren, athletischen Verwandlungsstrenge und Jasna Fritzi Bauer sowie Heiko Pinkowski mit kühner Purheit.

Es geht immer auch darum, sich an die Grenzen des Spiels heranzutasten, in Gefilde, wo sich das gespaltene Wesen von Figur und Spieler wiederbegegnet und so vielleicht einen Weg aufzeigt, auf dem Konnektionen doch möglich sind. Das ist hohe Theaterkunst, vielleicht manchmal auch einen Tick zu weihevoll und bedeutungsbetont für das kichernde Hilfeschreien von „Unendlicher Spaß“. Langer, beeindruckter Applaus.

 

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