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She She Pops pfiffiges Berliner "Testament" Echter Schwindel

Was hat man nicht schon für Quatsch gesehen zum Thema Generation, gerade im Theater. Nun zeigt die Gruppe She She Pop mit "Testament", wie man auch herz- und schmerzhaft zupacken kann. Von Tobi Müller

27.02.2010 00:02
Tobi Müller

Was hat man nicht schon für Quatsch gesehen zum Thema Generation, gerade im Theater. Jeder zweite Text der Jungen Dramatik scheint der eigenen Kaste auf den Milchzahn zu fühlen, der Rest gibt den Achtundsechzigern die Schuld. Meinungen und Gefühle zählen, es herrscht eine folgenlose Fummelei mit dem Ungefähren. Nun zeigt die Gruppe She She Pop, wie man auch herz- und schmerzhaft zupacken kann.

Man kann zum Beispiel nachfragen, nachlesen, neugierig sein. Man kann sich selbst mit einbringen und sogleich wieder zur Diskussion stellen. Radikaler als mit der eigenen Familie geht das nicht: Die Frauen und der eine Mann von She She Pop haben ihre Väter zur Probe gebeten, mit ihnen Shakespeares "König Lear" gelesen und dann einen Abend entwickelt. Er heißt "Testament - Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear". Man spricht über die Liebe und das Unverständnis und die Abhängigkeit, man stellt die wichtigen Fragen sehr direkt, um sie dann wach in offene Kunst zu überführen. Nur so kann man diese Fragen ernsthaft stellen: im Spiel. Der Rest ist Besserwisserei, führt zu Totschlag oder auch nur zu schlechtem Theater.

Bevor die drei Väter, ein vierter ist jeweils Reservist, die Bühne betreten, fliegt ihnen alles um die Ohren. Der eine säuft schon am Mittag, der andere ist ein linker Chauvi mit Vorliebe für Fleischwaren, der dritte Kommunist und Mittelmeerfreund, minus den Muselmanen. Es sind alle drei bald siebzig und aus dem mittelständischen Süden.

Das Weltbild ist soweit in Ordnung. Doch dann treten sie auf, in schweren Königsstiefeln. Manche im Publikum lachen, andere nicht mehr. Das Antlitz dieser drei Könige wird jeweils auf der Bühne gefilmt, die Väter erzählen jetzt kurz ihre Geschichte.

Als man die erste "Lear"-Szene gelesen hat, schleicht sich das schöne Delirium auf die Bühne, mit dem She She Pop so virtuos arbeiten können. Zwei Töchter schmeicheln dem Alten Lear, die ehrliche Cordelia spricht als einzige wahr und wird dafür bestraft.

Der She-She-Pop-Schwindel handelt weniger von der Lüge als vom Schwanken. Vom Schwanken zwischen Prozess und Produkt, Diskussion und Text, Nähe und Distanz. Die Alten und die Jungen haben jetzt Kopfhörer auf und sprechen konzentriert nach, was sie zu Beginn der Proben gesagt haben. Das Nachsprechen verhindert den Küchentisch-Realismus und gibt den Spielern ihre Würde zurück.

Theo Papatheodoru fällt mit der Tür ins Haus, er versteht Lear nicht. Und Sebastian Bark, dessen Vater später tatsächlich schwankend auf seinen Schultern sitzen wird, sagt in etwa: Genau, Theo, du bist Cordelia, weil du Lear nicht verstehst. Im Reden über den Stoff streift der Abend immer wieder überraschend genau die Motive des alten Stückes. "Testament" variiert dieses Unverständnis auf hundert Arten.

Auch die Alten ziehen vom Leder und fordern Respekt. Theo sagt: Im Griechischen heiße Respekt sowas wie Nachsicht. Das ist ein passendes Wort für diesen Abend, weil er, wie Lear ja auch, viel mit dem Sehen zu tun hat. Mit einer unsentimentalen Sicht auf Differenzen, Ängste, Schmerzen, und der geradezu Schillerschen Einsicht, dass ein vorläufiger Frieden nur im Schein zu haben ist. Dazu gibt es Rollentausch, Country Songs, und Kitschchoreografien. Es ist ein Schein, der die Wirklichkeit mitunter überwindet.

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