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Sesede Terziyan „Meine Heimat ist mein Elternhaus“

Sesede Terziyan, deutsche Schauspielerin und Tochter anatolischer Armenier, erzählt im FR-Interview von den Schubladen der anderen und der Lust daran, man selbst zu werden.

Die deutsche und anatolisch-armenische Schauspielerin Sesede Terziyan. Foto: imago stock&people

Frau Terziyan, wann merkten Sie, dass Sie Armenierin sind?

Ein Bewusstsein davon, dass ich eine Andersartigkeit habe, kam erst mit dem Umzug nach Baden-Württemberg. Da war ich sieben.

Sie sind eine Spätentwicklerin?

Nein. Meine Eltern kamen 1980 als politische Flüchtlinge mit Hilfe von Amnesty International nach Deutschland. Wir wurden nach Nordenham geschickt. Meine Familie kommt aus Yozgat in Zentralanatolien, heute eine Hochburg von Erdogans AKP. Das war mal ganz anders. Mein Urgroßvater war nicht der einzige der dort armenisch, türkisch und französisch sprach. Es gab dort einmal kulturelle Vielfalt. Das wurde von einer zur nächsten Generation beseitigt.

Nordenham...

Ich wuchs in Ruhwarden in Butjadingen auf. Unter lauter norddeutschen Menschen. Aber ich hatte mich nie gefragt, warum meine Freundin Gesa blonde und ich dunkle Haare hatte. Das war nie ein Thema. Ich habe mich dort völlig aufgehoben gefühlt – am Deich, am Strand, am Meer. Meine Eltern hatten große Schwierigkeiten. Mein Vater hatte acht Jahre gekämpft, um als Gastarbeiter anerkannt zu werden. Als politischer Flüchtling durfte er nicht arbeiten, das zugewiesene Bundesland nicht verlassen. Ich habe mich aber erst als fremd empfunden, als wir 1988/1989 nach Sulzbach an der Murr – zwischen Schwäbisch Hall und Backnang – kamen. Wir waren um die 36 Schüler in der Klasse. Die zerfiel in unterschiedliche Gruppierungen. Es gab die Türken, die Griechen, die Portugiesen, die Italiener, die konservativen Schwaben, die etwas linken Schwaben. Jede dieser Gruppen war hermetisch abgeschlossen. Ich stand völlig fremd da. Ich war auch die einzige, die hochdeutsch sprach. Da begannen die Identitätsfragen.

Beim Umzug von der Nordsee an die Murr?

Ja. Im Jahr darauf fuhren wir das erste Mal in die Türkei. Ich bin nämlich eine anatolische Armenierin, spreche kein armenisch, gehöre zu keiner armenischen Gemeinde, trage aber in mir den armenischen Geist. Jetzt fragen Sie mich, was das sein soll.

Das wird im Interview als meine Frage kommen...

Ich habe mich erst im Erwachsenenalter so langsam daran herangetastet. Es hat natürlich viel mit der Geschichte meiner Familie zu tun. Meine Heimat ist mein Elternhaus.

Wo steht das jetzt?

Sulzbach an der Murr.

Eine schwäbische Armenierin?

Ich sage immer: Ich bin an der Nordsee zur Welt gekommen mit einer tiefen anatolisch-armenischen Seele.

Das stimmt ja überhaupt nicht.

Ich sage das immer so.

Das meiste, das man immer so sagt, stimmt nicht. Sie haben mir doch gerade erklärt, es habe sehr lange gedauert, bis Sie Ihre armenische Seele gefunden, ich würde ja sagen, sich erfunden haben.

Identifikationen sind Erfindungen. Entweder erfinden andere die Schubladen, in die sie einen stecken können – dagegen habe ich mich dann als Teenager vehement gewehrt –, oder man erfindet sich selbst solche Schubladen. In Göppingen gibt es eine armenische Gemeinde. Da sind wir Ostern hin, denn meinen Eltern war es wichtig, dass ich etwas mitbekomme von der armenischen Tradition, von der armenischen Kultur. Dort sah ich dann: Links sitzen die Armenier, die armenisch können, rechts die, die es nicht können. Warum lachen Sie?

Es gibt kein Wort, das Sie nicht gestisch verstärken. Ihre Hände ruhen nie. Ich bin sicher, am liebsten würden Sie aufspringen und dieses Interview performen.

Das hat auch etwas mit meinem armenischen Geist zu tun: der Drang, ja der Zwang zum Selbstausdruck. Meiner Familie wurde ja das Recht darauf genommen. Sogar unser Name wurde uns genommen. Dagegen habe ich schon als Kind rebelliert, wenn ich auf der Schaukel stand und lauthals und endlos „der Kuckuck und der Esel“ sang. Selbst auf diesem Ikea-Sofa kann ich nicht davon ablassen.

Was meinen Sie mit dem Namen?

Mein Großvater hieß Aram Terziyan. Später hieß er Aram Terzioglu. Er hat die typisch armenische Endung seines Nachnamens gegen eine typisch türkische Endung ausgetauscht.

Wann war das?

1934 wurden in der Türkei Nachnamen Pflicht. Im Zuge dieser Reform ist er zu Terzioglu übergegangen. Meine Verwandten heißen auch heute noch Terzioglu. Das ist Teil meiner armenischen Seele.

Was meinen Sie?

Das Wissen darum, dass man einem alles nehmen kann, von einem auf den anderen Tag. Als ich meinen deutschen Pass hatte, war ich sehr stolz, weil ich den türkischen nicht mehr brauchte, in dem ja vermerkt war, dass ich Christin war. Eine Art Judenstern war das. Mein Vater aber sagte zu mir: Sehr gut, das macht alles für dich einfacher. Aber denke immer daran, sie können dir den Pass auch wieder wegnehmen. Meine armenische Seele sagt mir: Sei Teil des Systems, aber verlass dich nicht auf es. Ganz gleich welches System es ist. Meine Mutter ist Mitte sechzig und manchmal, wenn wir mit einander sprechen, sagt sie mir: Vielleicht wird es schlimm und wir müssen unser Haus verkaufen, müssen in ein anderes Land.

Eine schreckliche Vorstellung.

Nicht für meine Mutter. Sie sagt: Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich ein Mensch bin, der in jedem Land leben kann. Diese Haltung hat mich von Kindheit an sehr stark geprägt.

Sie waren immer wieder in der Türkei?

Ich genoss meine Großeltern sehr. Ich genoss auch, meine Eltern als ihre Kinder zu erleben. Diesen Einblick in Realitäten zu gewinnen, deren Produkt ich ja auch bin. Obwohl man sie weder an der Nordsee noch an der Murr sehen kann. Ich weiß noch, wie ich auf dem Balkon des Hauses meiner Großeltern saß, wir auf das Haus gegenüber blickten und meine Oma sagte. Siehst Du die Steine in der Wand dort? Das waren die Steine der armenischen Kirche. Sie haben die Kirche zerstört und mit ihren Steinen die Schule gebaut. Ein anderes Mal zeigte mein Vater mir eine weiße Hauswand und erklärte mir: Auf diese Wand hat Dein Großvater in Sommernächten die Filme projiziert, die er sich für sein Kino ausgeliehen hatte. Er liebte französische Filme und Simone Signoret.

Ihr Großvater war Filmvorführer?

Sowie das Dorf elektrifiziert war, richtete er ein Kino ein. Im Sommer gab es Freilichtvorführungen. Außerdem hatte er eine Ziegelei. Meine Großeltern mütterlicherseits besaßen 400 Schafe. Die Bettdecke, unter der ich schlafe, stammt von meiner Oma. Die Wolle dafür wurde aus dem Fell dieser Schafe gesponnen.

Sie können Schafe scheren?

Ja. Aber meine ersten Schafe standen auf dem Deich. Wenn wir dann im Sommer nach Anatolien gingen, lag dort im Haus die Schafswolle ausgebreitet und wurde getrocknet. Alles roch nach Schaf. Auf der Terrasse wurden Auberginen und Tomaten getrocknet. Im Garten stand ein kleiner, sehr alter knorriger Aprikosenbaum, den ich abpflücken durfte. Ich war so klein und wendig – unter mir brach er nicht zusammen.

Ihrem Großvater ging es gut?

Er durfte kein Armenier mehr sein. Er musste seinen Namen ändern, durfte nicht armenisch sprechen, konnte seine Religion nicht ausleben. Mein Großvater erzählt, seine Eltern hätten nur armenisch gesprochen, wenn sie einander etwas zuflüsterten, das die Kinder nicht wissen sollten. Armenisch war eine Geheimsprache geworden. Das Armeniersein selbst war eine Geheimsache.

Spielte das Christliche eine Rolle bei Ihren Eltern?

Definitiv. Meine Mutter fastet zu Ostern immer noch. Die beste Theateraufführung meines Lebens war, als ich das letzte Mal in einem armenischen Gottesdienst war. Mich beeindruckt das sehr. Das sind ja uralte Rituale, die Texte sind uralt. Die Gesänge werden seit Hunderten von Jahren so gesungen. Alles sehr pompös. Der Priester wechselt mehrmals seine Gewänder. Das zerreißt mich jedes Mal. Die Kirche spielt für die Armenier eine ganz zentrale Rolle. Wenn es die armenische christliche Gemeinde nicht gegeben hätte, gäbe es so gut wie keine armenische Kultur mehr.

Warum leugnet die Türkei den Völkermord an den Armeniern?

Ich weiß es nicht. Es täte der Heilung so gut. Auf beiden Seiten. Es ist auch schlimm, dass die Bundesregierung sich jetzt weigert, vom Völkermord an den Armeniern zu sprechen. Mich hat das tief enttäuscht. Ich hoffe, ich bekomme es hin, am 24. April, dem offiziellen Gedenktag des Völkermordes, mitzudemonstrieren. Aber nicht in Eriwan, sondern in Istanbul. Da ist es viel wichtiger. Die Lage in der Türkei ist mal wieder katastrophal. In Syrien passiert gerade vor unseren Augen ein Völkermord. Diesmal sind es nicht die Armenier, es sind auch nicht die Juden. Diesmal sind mal wieder die Kurden dran.

Glauben Sie, das hört irgendwann einmal auf?

Ich hoffe es, ich ersehne es. Aber ich kann nicht daran glauben. Als es im Mai 2013 losging mit den Gezi-Park-Protesten in Istanbul war ich völlig euphorisiert. Mein Vater sagte mir damals: Es sind viele bei den Protesten. Aber lass es noch so viele sein, es bleibt eine winzige Minderheit. Am Ende wird auch dieser Protest niedergeschlagen werden. Ist es nicht schrecklich, dass mein Vater recht behalten hat?

Hat Ihr Name eine Bedeutung?

Terzi heißt Schneider und Yan heißt Sohn. Der Sohn des Scheiders, Scheiderson, wenn Sie so wollen. Meinen Vornamen habe ich von meiner Großmutter. Sie hieß auch Sesede. Ein Sprachwissenschaftler erklärte mir einmal, Sesede heiße soviel wie die Stimme erhebend. Da dachte ich: das passt.

Interview: Arno Widmann

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