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Schauspielhaus Zürich Mehrere Antworten möglich

Wenn schon Mundartmusical, dann so: Martin Suters „Geri“ in Zürich. Eine, liebevolle Theaterarbeit. Die Qualität liegt im präzise gesetzten Wiedererkennungseffekt, in den detailliert karikierten Szenetypen, in der Aktualität der Anspielungen. Und in der Musik

13.12.2010 13:51
Andreas Klaeui
Geri mit Bardame: Michael Neuenschwander. Foto: Toni Suter

"My Fair Lady“, „Die kleine Niederdorf-Oper“, „Dällebach-Kari“, „Ewigi Liebi“ und so weiter: Die Ballung fällt schon auf. Musicals und Mundart feiern fröhlich-sentimentale Urständ in den Schweizer Theatern. Man darf sich natürlich fragen, warum. Was es (über das finanzielle Kalkül von Theaterseite hinaus) über den helvetischen Zeitgeist aussagen könnte. Holdes Bescheiden? Süße Weltflucht? Krasse Reprovinzialisierung? Reaktion auf die Krise? Mehrere Antworten möglich, heißt es auf den Fragebögen ja immer. Hauptsache, die Kasse klingelt.

Wenn jetzt das Schauspielhaus Zürich sein Glück mit „Geri“ versucht, dem Dialektmusical über einen ewig adoleszenten, antriebsschwachen, urteilslosen Adabei, dann hat es natürlich einerseits alle Sympathien auf der Seite des liebenswerten Tropfs, trägt aber nicht unbedingt zur Beruhigung über die gegenwärtige Selbstwahrnehmung im Lande bei.

Ein Mundartmusical auf der Schauspielhausbühne – man darf die Tatsache kurz würdigen, ohne gleich in Wehgeschrei über den Niedergang aller Dinge auszubrechen. Sondern sie vielleicht im erweiterten historischen Zusammenhang sehen: Noch vor weniger als hundert Jahren warb das Zürcher Stadttheater doch mit allerlei dramafernen Attraktionen wie zum Beispiel echten Pferden auf der Bühne. Die Pferde von heute heißen Stephan Eicher und Martin Suter.

Drei neue Pferde

Ist Eicher ein echter Langstreckenläufer, so hat sich Suter vor allem im Sprint einen Namen gemacht, mit wöchentlichen Kolumnen wie „Business Class“ und, eben, „Richtig leben mit Geri Weibel“, die er vor rund zehn Jahren für das „Folio“-Magazin der Neuen Zürcher Zeitung verfasste. Das dritte Pferd am Start ist Regisseur Stefan Bachmann. Da ist Wetten schwierig, mal will er so, mal so.

Geri ist der klassische Underdog: Er möchte so gern, traut sich aber nicht. Er steht in der Bar und ist unsicher, was man als schicker Zürcher grad bestellen muss, er möchte so gern die Bardame ansprechen, findet aber die Worte nicht, und so weiter. Er hat natürlich unsere ganze Zuneigung, denn wir alle sind ja Geri, irgendwo, und selbst wenn wir beim Über-uns-Lachen denken, so blöd kann man gar nicht sein: Natürlich geht es, wir haben es alle schon locker bewiesen.

„Geri“ ist Feelgood-Theater, nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Der Abend ist locker und flockig, die Pointen sitzen, die Reime verblüffen. Wenn schon Musical, dann so. Der frühere Werber Martin Suter kennt die „Business Class“ und weiß, wie man ein Publikum packen kann, und Stephan Eicher ist eh immer gut.

Kolumnen sind anders gestrickt

Sollte sich trotzdem zwischendurch, vor allem im ersten Teil, ein wenig Langeweile einstellen, dann liegt das daran, dass Kolumnen anders gestrickt sind als ein Stück. Sie bauen auf dem repetitiven Wiedererkennungseffekt auf, im Theater muss sich was entwickeln. Dies geschieht hier erst am Ende des zweieinhalbstündigen Abends: Geri verliebt sich und wagt, getragen von der Macht seines ersten authentischen Gefühls, gar kurz so etwas wie Emanzipation von der Gruppe – er haut mit der Bardame ab in die Karibik , wird aber auch da, im Weit-weg-Land, sogleich eingeholt von seinen Unsicherheitszwängen und der Konformitätsneurose.

Die übrigen Figuren in der Clique sind ohnehin Abziehbilder ohne weitere Geschichte: der Trendbarometer, die Modeautorität, das ökologische Gewissen, das angefochtene Traumpaar und das weibliche Single-Element. Geri ist eine ambivalente Gestalt, ein Sichwinden in der Neutralität und trotzdem gern Dabeiseinwollen. Auch insofern könnte man mit etwas Boshaftigkeit sagen, ein echter Schweizer.

Hemmungen haben wiederum über die Komik hinaus auch einen positiven Aspekt, wie der Chansonnier Mani Matter vor Jahren im Lied „Hemmige“ dargelegt hat, das dann auch zu einem der größten Hits von Stephan Eicher wurde und in Zürich von der Combo kurz anzitiert wird (eine formidable Band unter der Leitung des Pianisten Jean-Paul Brodbeck, die sehr wesentlich zum Erfolg des Abends beiträgt).

Eine lange Witztradition

Jedenfalls haben liebenswert-verhemmte Figuren wie Geri zumindest in der deutschen Schweiz eine lange Witztradition, vom „Buchhalter Nötzli“ bis zum legendären „Herrn Schüüch“. Michael Neuenschwander als Geri reiht sich da ganz unaufgeregt ein – vermeidet mit Bravour die Absturzgefahren ins Tölpelhafte, in Charge und Klischee, und ist zum Aus-der-Haut-Fahren hinreißend in seiner Verklemmung. Darüber hinaus verfolgt die Regie keine Spuren, die allenfalls in Figur und Charakter aufzuspüren wären. Sie bleibt affirmativ – man darf sich zurücklehnen und amüsieren. Dies allerdings aufs Feinste.

„Geri“ in Zürich ist einfach eine äußerst genaue, liebevolle Theaterarbeit. Die Qualität liegt im Kolorit – in dem präzise gesetzten Wiedererkennungseffekt, in den detailliert karikierten Szenetypen und -stereotypen, in der Aktualität der Anspielungen. Und in der Musik. Es sind ja alle ganz fabelhafte Sänger! Das Schönste bleiben Stephan Eichers melancholische und ironische Songs, die sich gewitzt an Stimmungen und Motive anschmiegen. Die den Figuren Tiefe geben und den Abend erst wirklich zum Ereignis machen.

Schauspielhaus Zürich, 13., 17., 20., 21. und 28. Dezember www.schauspielhaus.ch

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