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Schauspielhaus Zürich Eine Welt ohne Wunder wäre nur grau

Büchners Erzählung „Lenz“ in Werner Düggelins Inszenierung am Schauspielhaus Zürich.

Lenz
Dasein als eine Last: André Jung, Jirka Zett und Jan Bluthardt als Lenz (v.l.n.r.). Foto: Yves Binet

Mich hat unter vielem anderen beschäftigt, dass unsere Gesellschaft bis heute noch sagt, solche Menschen wie der Lenz seien verrückt“ – der Regisseur Werner Düggelin hat das so gesagt, nachzulesen im Programmheft zu Düggelins Aufführung seiner Bearbeitung von Georg Büchners Erzählung „Lenz“ auf der kleineren Bühne im „Schiffbau“ des Zürcher Schauspielhauses. Die zitierte Bemerkung bezeichnet einen wesentlichen Bewegrund der Inszenierung, nämlich den entschiedenen Zweifel des Regisseurs an der Deutung eines extremen Verhaltens als „Verrücktheit“ – ein Motiv, das die Inszenierung mit einer Intensität entfaltet, wie sie im gegenwärtigen Theater der performativen Spielereien sehr, sehr selten ist.

Büchners Fragment gebliebener Text, 1835 niedergeschrieben in Straßburg, thematisiert einen Abschnitt im Leben des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792). Eine Zeitlang auch mit Goethe und dessen Schwester Cornelia eng verbunden, gerät Lenz nach Cornelias Tod in eine Periode tiefer seelischer und physischer Erschütterung, die ihn Halt und Orientierung derart verlieren lässt, dass ihm zur Besserung seines Zustandes ein Aufenthalt bei dem Reformtheologen Oberlin in einem entlegenen Tal der Vogesen empfohlen wird.

Der Schauspieler André Jung, schon oft eine Stütze von Inszenierungen Düggelins, liest diesen Anfang aus einem Textbuch vor. Alles karg auf der Bühne von Raimund Bauer, ein Tisch, eine Bank, weiter hinten ein Bett. Die Worte und Sätze Büchners lassen Bilder entstehen, Bilder der Wanderung von Lenz, der Landschaft aber auch des Drängens, das ihn antreibt, der Angst, der Verwunderung, „dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte“, des Suchens immerzu. Lenz dann angekommen bei Oberlin: Jirka Zett als dieser Pfarrer und Jan Bluthardt, Lenz, hocken sich zu dem Erzähler André Jung auf die Bank. Ideale Besetzungen: Jan Bluthardt, ein junger Mensch von großer Zartheit, zugleich aber durchdrungen von leidenschaftlichem Glauben an die Realität seiner Vorstellungen.

Den Oberlin Jirka Zetts überwächst das alles, ein Verwandter des Lenz zu Beginn, wie jener auch ein Suchender, zum Ende hin obsiegt sein lebenspraktischer Sinn. Lenz wird nach Straßburg gebracht, dort „tat er alles, wie es die anderen taten; es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin . . .“ Hier bricht die Erzählung ab.

Büchners Text ist bevorzugt verstanden worden als Protokoll einer schweren Erkrankung. Die Aufführung hält dagegen, behauptet noch die abenteuerlichsten Regungen des Lenz als Ausdruck einer existentiellen Unbedingtheit, die alles überhaupt Denkbare als Wirklichkeit einschließt.

In die szenische Fassung hat Düggelin eine Passage aus „argumentation von der bewusstseinsschwelle“ des österreichischen Dichters Konrad Bayer eingeschoben, ein Reden, das dem Sprechenden, hier dem Lenz, in Wortfetzen zerfällt, obgleich Lenz nicht für einen Augenblick davon ablässt, auf einen Zusammenhang des Zusammenhanglosen wie selbstverständlich zu bestehen.

Niemals hat der Theatermensch Werner Düggelin, Jahrgang 1929, den Anspruch auf die mögliche Realität noch des Unwahrscheinlichsten sich wegdenken können aus seinem Leben. Sein Umgang als Regisseur und Theaterleiter mit den dramatischen Stoffen der Weltliteratur war immer davon bestimmt. Mit in jedem Fall der Konsequenz äußerster Entschlossenheit zu einer Einlassung, die kein Wagnis scheut. Die Aufführung jetzt in Zürich gibt dafür im kleinen Format ein großes Beispiel. Düggelin: „Für mich ist eine Welt ohne Wunder eine graue Welt“. Mit seinen drei Schauspielern hat er wieder einmal eines geschaffen. Er kann nicht anders.

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