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Schauspielhaus Kassel In Unbehaglichkeit verstrickt

Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, ernst und stark im Schauspielhaus Kassel.

Eines langen Tages Reise durch die Nacht
An Liebe mangelt es der glücklosen Ehe zwischen Mary (Christina Weiser) und James Tyrone (Bernd Hölscher) nicht. Foto: N. Klinger

Die autobiografische Basis von Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ (1940 geschrieben, 1956 postum uraufgeführt) ist offensichtlich und bitter bis ins Detail. Mit seinem Bruder Edmund tauscht er lediglich die Namen. Im Stück ist es nun ein Kind namens Eugene, das als Zweijähriges an Masern stirbt – angesteckt durch den älteren Bruder Jamie, der das Zimmer betreten hat, obwohl es ihm streng verboten war. Beide sind in dieser Zeit bei den Großeltern untergebracht, die Schuldgefühle der Mutter, die ihren Mann auf einer seiner Theatertourneen begleitet hat, gehört zu den verkapselten, weggedrängten Familiengeheimnissen der Familie Tyrone alias O’Neill. Ganz interessant: Die im Internet nachlesbare „Spiegel“-Ausgabe von 1956, in der unter besonderer Berücksichtigung der autobiografischen Selbstentblößung und des nicht zuletzt deshalb entsprechend atemlos hinstarrenden Publikums von der Uraufführung in Stockholm berichtet wird, hat eine Romy-Schneider-Sissi-Geschichte als Titel. Auch die 50er Jahre kann man kulturell als zerrissen wahrnehmen.

Am Staatstheater Kassel, wo sich keine Spuren von Historisierung finden, ergibt sich ein besonderer Reiz anderer Art. Das Inszenierungsteam aus Regisseur Markus Dietz, Bühnenbildnerin Ines Nadler und Kostümbildnerin Henrike Bromber wird im September auch das „Rheingold“ als Start des neuen Kasseler Rings präsentieren. Vielleicht nur vor diesem Hintergrund hat die Bühne tatsächlich opernhafte Züge. Dunkel vernebelt, ein bisschen unübersichtlich, dazu kärglich (lieblos) möbliert, stellt sie abstrakt, aber doch greifbar die Unbehaglichkeit des Tyrone’schen Sommerhauses nach. Wie ein Kneipenname hängt ein Leuchtröhren-„morning“ über allem, nachher, man ahnt es schon, ein „night“. Geleerte Alkoholflaschen überall. Klaviermusik von Chopin weht über die Bühne, wird zerlegt, aufgeplustert, umgebaut: ein schönes Bild vergangener Bürgerlichkeit und des mütterlichen Traums (der Illusion) von der Pianistinnenkarriere.

Die Mutter, die diesen Ort nie als „Zuhause“ empfinden konnte, bekommt hier völlig recht. Den Männern ist es irgendwie wurscht. Alptraumhaft kann die Bühne sich nachher kippen, sich quasi winden. Schemenhaft im Hintergrund das obere Stockwerk, eigentlich bloß eine Liegegelegenheit (elegant und unbequem) für die Morphinistin Mary. Ihr Mann, der im finanziell erfolgreichen Mittelmaß steckengebliebene Schauspieler James, fläzt sich im Vordergrund in abgenutzten Sesseln.

Für ein kontrastreiches Paar haben sich die Kasseler entschieden: Christina Weiser wirkt nicht nur mädchenhaft und zerbrechlich neben dem walzenartigen Bernd Hölscher. Sie erscheint im weiteren Verlauf auch schier dumm vor Unglück (und vor Sucht, aber mehr vor Unglück), während sich hinter seinem lärmig-beflissenen Auftreten ein Abgrund an Empfindlichkeit auftut.

Auch die Söhne als Leidtragende dieser glücklosen Ehe – einer Ehe, in der man nicht behaupten kann, die beiden liebten einander nicht, es ist keine Frage von mangelnder Liebe – sind hier geradlinig als Gegensatzpaar gestaltet: Hagen Bähr als der ältere Jamie teilt mit dem Vater nicht nur den Beruf, sondern auch das helle Haar, die robuste Konstitution und den immer etwas lauten Versuch, Stabilität zu wahren. Die Lebenslügen der Eltern, die er im Prinzip hasst: Schon ist er in sie verwickelt, trägt sie mit, wenn auch nicht mit Blick auf seine Person. O’Neill und auch Dietz stellen die Figuren nicht bloß. „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ erzählt auch von Zuneigung, von Gutmütigkeit und davon, wie schutzlose Menschen doch einander schützen wollen. Marius Bistritzky als der jüngere, lungenkranke Edmund (O’Neills Alter ego) teilt mit der Mutter das dunkle Haar und die körperliche Labilität. Es könnte sein, dass er ein erfolgreicher Schriftsteller wird, der einzige in der Familie, der nicht in Fantastereien und der Vergangenheit hängenbleibt. Der einzige auch, der ein Stück draußen steht, sich nicht verwickeln lässt.

In der Verkürzung auf zwei pausenlose Stunden wird manches erzählerische Element etwas zügig abgehandelt: das Trauma des Vaters etwa, der durch eine jammervolle Jugend ein armer reicher Geizhals geworden ist. Gegen Ende wirkt das jetzt heftige gegenseitige Sich-Anschreien zuweilen monoton. Andererseits ist Monotonie ein wesentlicher Anteil von tiefsitzendem unlösbaren Unglück. Man will nichts damit zu tun haben. Man kann sich ihm nicht entziehen, auch in Kassel nicht.

Staatstheater Kassel: 25., 26., 30. Mai, 2., 12., 22. Juni. www.staatstheater-kassel.de

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