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Schauspiel Stuttgart Wenn sie wüssten, wie es endet

Theatermacher Oliver Frljic riskiert einen ungewöhnlichen Blick auf „Romeo und Julia“.

Romeo und Julia
Wie ein Gemälde: Die Verwandten ziehen Romeo und Julia am Schauspiel Stuttgart aus ihren Särgen. Foto: Thomas Aurin

Das Beste kommt am Anfang. Zwei Verdrehungen, eine inhaltliche und eine zeitliche.

Romeo und Tybalt rempeln, küssen, würgen, entblößen sich und sprechen und schreien von Liebe, aber nicht, weil der eine Julia und darum auch ihren Verwandten liebt und der andere das Wort ironisch verwendet, sondern weil sie einander lieben. Das ist mit Blick auf den Text eine wirklich kecke Klitterung („hier kommt mein Mann ...“), aber es hat seine Reize – zumal ein Übermaß an Hass immer die Sehnsucht nach tiefergehenden Erklärungen weckt. Aber es geht dann nachher doch ins Leere.

Romeo und Julia, das ist sehr viel wesentlicher für den Fortgang, liegen im nächsten Bild bereits in ihren Särgen. Vorsichtig und konzertiert heben die trauernden Verwandten sie wie Puppen wieder heraus, und beim künstlichen Kuss werden sie auch wieder lebendig, und schon ist erneut Party im Hause Capulet, jene, bei der sich Romeo und Julia bei William Shakespeare näherkommen. Mitten im Leben sind sie diesmal nicht nur vom Tod umfangen, sondern wissen das auch, jedenfalls lässt die Regie es sie fühlen. Jannik Mühlenweg und Nina Siewert, jung, aber keine Kinder, sind die denkbar befangensten Liebenden. Julia ist sogar regelrecht widerwillig, auch wenn dahinsteht, ob die Nachtigall-Wendung als renitenter Einspruch funktioniert. Eigentlich nicht, nein. Sie wollen nicht sterben, und man muss es nicht als Widerspruch dazu begreifen, dass hundert Minuten später ein gemeinsamer Suizid den Abend vorzeitig beendet. Es wird nicht so getan, als gäbe es einen anderen Ausweg.

Die Handlung von „Romeo und Julia“, sagt der kroatische Regisseur und Theatermacher Oliver Frljic im Programmheft, könne man wohl als bekannt voraussetzen, auch habe er keine naiven Teenager zeigen wollen. Seine Lesart im Stuttgarter Schauspielhaus, wo zum Auftakt der Intendanz Burkhard C. Kosminskis also nach „Vögel“ und „Orestie“ (FR v. 19.11.) eine dritte Familiengeschichte gezeigt wird, ist konsequent schlaglichtartig. Dazu passt eine Hell-Dunkel-Malerei (Licht: Jörg Schuchardt), die die Figuren in Sandra Dekanics historisierenden Kostümen geschmackvoll ausleuchtet. Romeo und Julia sind in einem Alptraum befangen, aber es ist ein gutaussehender Alptraum: Aufwendige Maskeraden wie aus Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“, auf der kargen Bühne von Igor Pauska die multifunktionalen Särge (Schaumbad, Ehebett, Seifenkiste) und eine große, kirchenförmige Holzkonstruktion. Und schon während Sandra Hartmann als übergroße Partygöttin „Killing Me Softly“ singt, kann der Eindruck aufkommen, dass am Ende Dekoration und der schnelle Einfall den Abend regieren werden.

Nun lässt sich auf die quälenden Verwicklungen in „Romeo und Julia“ gut verzichten, nun ist auch eine verbotene Liebe unter Jugendlichen nicht das Interessanteste der Welt (obwohl es schon erstaunt, die situative Unbedingtheit von Fast-noch-Kindern). Lässt man aber beides weg, lässt man gewissermaßen „Romeo und Julia“ weg. Das ist ein großer Schritt, den Frljic riskiert und von uns aus gerne riskieren darf, den er aber nach den ersten, fesselnden Minuten nicht mehr plausibel oder aufregend machen kann.

So stark der erste Eindruck, so zäh gestaltet sich bald das Sich-Verbeißen in einzelne Sätze, deren permanente Wiederholung (die schon in den 90ern nur selten nicht nervte) einfach eine permanente Wiederholung darstellt, aber eine Dringlichkeit behauptet. Auf diese Weise etwa die verbale Gewalttätigkeit von Julias Vater hervorzuheben, bedeutet, einen großen Scheinwerfer auf eine offensichtlich auch so bereits gut sichtbare Stelle zu halten.

Das Ensemble: erneut beschwingt, fit, mit einem grandiosen Clownspärchen (Christoph Jäde und Valentin Richter). Alle Beteiligten lassen sich mit einer Offenheit ein, die dazu beträgt, dass die inhaltliche Leere im schönen Rahmen noch eine Weile wie aufgefüllt wirkt.

Schauspiel Stuttgart: 28. November, 15., 19., 23., 30. Dezember. www.schauspiel-stuttgart.de

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