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Schauspiel Stuttgart Kein Land für junge Männer

Stefan Puchers kalter Blick auf Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline im Schauspiel Stuttgart.

Kasimir und Karoline
Kasimir und Karoline Foto: Thomas Aurin

Hinterm Vorhang aus weißen Luftballons ist auch irgendwie nichts Rechtes. Die Achterbahn besteht aus knallroten Überresten ihrer selbst. Die Benutzung muss polizeilich sofort untersagt werden, so wie es wackelt und wankt, als Karoline und ihre neue Flamme hineinklettern. Das Karussell ist nurmehr auf einer Kinoleinwand zu sehen, schwarzweiß und nicht gerade lustig. Zumal sich, wie man sieht, die Farben der Reichsflagge ungut auf diesem Oktoberfest im Jahre 1932 wiederfinden.

Stefan Pucher und sein Bühnenbildner Stéphane Laimé schaffen also konsequent alle erforderlichen Jahrmarktsbestandteile bei, wenden aber auch gleich alles ins Unfröhliche, Unzweckmäßige – auch einen unangenehm grell klingenden Hau-den-Lukas, auch ein einziges Maßbier, getrunken von der einzigen ernsthaft bayerisch ausgestatteten Figur, dem Thüringer mit dem Hitlerbärtchen (die Herren im Dirndl hingegen: reinste Ironie und schlüpfriger Halbweltspaß). Wer nicht weiß, was die Stunde geschlagen hat, dem begegnet nachher noch Hitler selbst in einer Filmeinspielung. Pucher will keine Missverständnisse aufkommen lassen. Da diese in „Kasimir und Karoline“ schwer möglich sind, ist das etwas irritierend. Hoffentlich hält Pucher uns nicht für dumm.

Ödön von Horváths Volksstück am Schauspiel Stuttgart ist kein Volksstück mehr. Auch die Liebesgeschichte wurde ihm ausgetrieben, denn keinen Moment wird man annehmen, dass der brave, aber bis ins Mickrige zarte, graumausige und nun auch noch arbeitslose Kasimir von Peer Oscar Musinowski je eine langfristige Chance bei dieser Karoline hatte.

Manja Kuhl kommt wie aus dem falschen Film hier hinein, eine Dame in weißen Marlene-Dietrich-Hosen (Kostüme: Marysol del Castillo), und damit man nicht wirklich an Marlene Dietrich denkt, trägt sie das Haar in flott gestylter Naturkrause, mit der sie sich auch heute überall sehen lassen könnte. Falscher Film, falsche Zeit. Auch die schlichte Rummel-Bekanntschaft Schürzinger, Paul Grill mit erhitzten Wangen, wirkt vorerst überfordert angesichts dieser Frau von heute, durch die Karolines Aufstiegsstreben eine absurde Note bekommt.

Ebenso schwierig ist es, in Sandra Gerlings modisch abgefreakter Erna das Daueropfer des Schlägers Merkl Franz zu sehen, Franz Mühlen, der wie Musinowski und Grill weit mehr in der Zeit des Stückes verankert ist wie die Frauen und die Alten. Kein Land für junge Männer. Erna kann bereits aus Peter Weiss’ Stück „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats ...“ zitieren („Einmal wird es sich verwirklichen, dass der Mensch im Einklang lebt mit sich selbst und mit seinesgleichen ...“). Der Merkl Franz hingegen will draufhauen und ist auf der Leinwand beim Autoknacken zu sehen. Er ist viel schneller am Schreien als Erna und wird dann ja auch geschnappt. Gerling schreit eigentlich gar nicht. Ihre somnambule Seite hat sie noch vor vier Jahren am Schauspiel Frankfurt als Karoline zur Verfügung gestellt.

Nun legt Pucher so viel Wert darauf, die vertraute und zutiefst menschliche „Kasimir und Karoline“-Atmosphäre zu unterlaufen, dass man sich entweder darauf einlässt oder Karten für eine andere Produktion kaufen muss. Lässt man sich darauf ein, staunt man über die kristalline Schärfe der Sprache, die völlig ohne Dialektanflüge auskommt. Hier wird eher postuliert als gespielt, ein überdeutliches Rampensprechen. Im Versuch, auf jeden Fall ungemütlich zu sein, wird auch untief politisiert. Die Verlierer würden sich gerne kräftiger wehren, aber im Stück sind sie einfach zu wenige. Die Bebilderung dazu ist der Erzählung und den Menschen gegenüber unfreundlich.

Als Karoline nichts dagegen hat, von den wohlhabenden Herrschaften Speer und Rauch angesprochen und zu weit mehr als einem Getränk und einer Karussellfahrt eingeladen zu werden, steht Kuhl bereits in Unterwäsche an der Tanzstange. Karoline kann das nicht besonders gut, sie übt halt noch. Die Herrschaften lassen sich übrigens nichts anmerken, Horst Kotterba (der unthüringische Thüringer) und Andreas Leupold (ein kabinettstückhafter Kapitalist und genießerischer Lump). Das sind keine tiefschürfenden, aber intensive Bilder, deren Kälte einem in den Knochen bleiben kann.

Es gibt Musik dazu (Christopher Uhe), von der Seite eingespielt. Die ist schön, bleibt aber nicht in den Knochen, sondern gehört zu den etwas routinierten Seiten des insgesamt straffen Anderthalbstunden-Abends.

 

Schauspiel Stuttgart: 18., 23. Mai. 1., 11., 30. Juni. www.schauspielstuttgart.de

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