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Schauspiel Frankfurt Wollust und Erniedrigung

Peter Schröder überzeugt in der Box-Produktion „Abschied von den Eltern“.

Kleiner Mann, was nun? Peter Schröder rechnet ab. Foto: Christian Schuller Foto: Christian Schuller

In der Box, der kleinsten Spielfläche am Schauspiel Frankfurt, sind Zuschauer und Schauspieler einander zum Anfassen nah. Jedes Zucken im Gesicht ist sichtbar. In diese intime Dichte hat Kornelius Eich, seit 2017/18 fester Regieassistent am Schauspiel, die persönliche, autobiografische Erzählung „Abschied von den Eltern“ von Peter Weiss präzise eingefügt. Es geht um tiefe Verlorenheit, Enttäuschung und das Gefühl wachsender Unzugehörigkeit.

Trotz der Komplexität der Gefühlslagen gelingt es, diesen Stimmungswandel mit nur einer Person und drei Sesseln vor einer braunen Holzwand (Bühne: Loriana Casagrande) zu gestalten. Alles passt zueinander. Der 1961 publizierte Text wurde mit Geschick so reduziert (Dramaturgie: Judith Kurz), dass er ohne logische Sprünge achtzig Minuten fesselt und den Wandel vom Kind zum 17-Jährigen nachvollziehbar macht.

Diese Aufgabe hat Kornelius Eich als Solospiel in die Hände des erfahrenen Ensemblemitglieds Peter Schröder gelegt. Am Schauspiel war er unter anderem an den Soloabenden „Die Legende vom heiligen Trinker“ und „Lenz“ zu sehen. Jetzt hat er sich den Coming-of-Age-Text von Peter Weiss überzeugend zu eigen gemacht.

In dunkler Hose und weißem Hemd steht Schröder zum Greifen nah vor den Zuschauern und spricht aus der Perspektive eines Kleinkindes, das sich gerade aus den Händen der Mutter, deren „fremde Hände mich kneteten und vergewaltigten“ befreit. Souverän variiert Schröder Momente gestischer Dramaturgie mit stillen, nach innen gewandten Sprechsequenzen. Der Charakter der Erzählung bleibt so stets bewahrt. Erst in der Phantasie des Zuhörenden entstehen Bilder wie die vom kleinen Jungen, der von seinem Klassenkameraden Friederle eiskalt auf dem Schulweg verprügelt wird. Der Junge, der das Wort „Friede“ im Namen trägt, hat die Statusmarker der bürgerlichen Gesellschaft bereits früh in sich aufgenommen. „Was ist dein Vater?“ – wer nicht adäquat zu antworten weiß, wird niedergemacht.

Der erste Schultag ist so bereits „Anfang der Panik“. Der Text von Peter Weiss ist weit vor der 68er-Bewegung entstanden. Er erzählt von Lehrern, die mit dem Rohrstock die eigenen Hände blutig schlagen, während die Klasse in „blutdurstiger Stille“ verharrt. Detailliert erzählt er auch, wie die Mutter den Penis ihres heranwachsenden Sohnes von „Schmutz“ und „kranken Gedanken“ säubert. Gefühle der Wollust und der Erniedrigung sind so bald untrennbar verknüpft.

Assoziativ tauchen aus der Erinnerung immer mehr Bilder auf, die den Lebensweg geprägt haben. Die drei kompakten Sessel, auf denen sich Peter Schröder in stetem Wechsel positioniert, markieren unterschiedliche Orte und Gefühlslagen. Hier geht es nach der Schule zur Handelsschule, hier streitet der Sohn mit dem Vater, hier setzt sich der künstlerische Drang gegen den Widerstand der Eltern durch.

Kornelius Eich hat die Produktion „Abschied von den Eltern“ im Rahmen der Reihe „Spielraum“ entwickelt und somit auf das Spielzeitthema „Umbrüche. Wie sind wir geworden, wer wir sind?“ reagiert. Die Antwort des 1989 geborenen Theatermachers ist gemeinsam mit Peter Schröder überzeugend gelungen.

Schauspiel Frankfurt: 2. Oktober. www.schauspielfrankfurt.de

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