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Schauspiel Frankfurt Was tun wir, was wollen wir hier?

Und haben wir einen Spielraum? „Einige Nachrichten an das All“ als gewitzte Revue in Frankfurt.

Schauspiel Frankfurt
Nachrichtenübermittler: Nelly Politt, hinten Lang und Ledun auf ihrer Matratzengruft. Foto: Robert Schittko

Der menschliche Mitteilungsdrang und die Qualität der Mitteilung stehen traditionell in einem unlogischen Verhältnis. Auch damit spielt Wolfram Lotz’ so munteres wie melancholisches, so leichtes wie dramaturgisch ausgebufftes Stück „Einige Nachrichten an das All“ von 2012. Denn wenn es noch dazu Außerirdische sein sollen, an die sich die Mitteilung richtet, wird die Fallhöhe bedrohlich. Was ist das Wort, das der Mensch in den Weltraum rufen will? Ist es wirklich „Bums“, ist es wirklich „Unterhaltung“?

Das Spiel: Das Läppische steht neben dem Existenziellen, das Raffinierte neben dem einfach Offensichtlichen, die Lebensphilosophie neben dem Quatsch. Einiges davon kann man vernachlässigen, aber nicht die Konstruktion als solche: Ein Theaterstück, das sich ständig selbst demontiert, das in immer neuen Varianten auf das Baugerüst dahinter schauen lässt. Mit Theaterstückfiguren, die zwischen dem Erzählen stark verunsichert sind. Wo sind sie hier? Wer sagt ihnen, was sie sagen sollen? Was geht hier vor und wie geht es weiter? Haben sie einen Spielraum? Die Fragen der Vorherbestimmung an Bühnenfiguren durchzuexerzieren – die davon wahrlich schwer betroffen sind –, ist nicht neu. Lotz hat aber Einfälle und lässt zudem nicht umsonst eine seiner Marionetten fidel das Wort Unterhaltung einspeisen. 

Im Foyer der Kammerspiele beginnt die Inszenierung, die Marc Prätsch am Schauspiel Frankfurt mit den Studierenden des „Studiojahrs Schauspiel“ erarbeitet hat. Hier kündigt Schwester Inge ein Krippenspiel kranker Kinder an – von drauß’ vom Mainufer kommen sie her –, das ziemlich naturalistisch abläuft. Nelly Politt als Krankenschwester ist auf Stelzen eindeutig die Erwachsene. Auch dass man unter Umständen schlecht sehen kann, ist ein typisches Krippenspielproblem, wie es überhaupt erforderlich ist, hierfür in Stimmung zu sein. 

Ein Stockwerk tiefer auf der von Philipp Nicolai mit einer Matratzengruft, Vorhängen und einer schwungvoll eingesetzten Schaukelkugel versorgten Bühne wird das Thema Wunderschwangerschaft quasi wieder aufgegriffen: Lum und Purl, Vincent Lang und Philippe Ledun, wünschen sich ein Kind. Lang und Ledun sind es auch, die die Matrix durchbrechen, ohne wirklich hinausschlüpfen zu können: Lum und Purl sprechen als Figuren, denen bewusst wird, dass ihr Text vorgegeben, diesen Text zwangsläufig immer weiter. Lang als Lum zeigt, dass es hier um alles oder nichts geht. Ledun als Purl zeigt, dass es hier nie und nimmer um alles geht. An beiden Positionen ist etwas dran. Dann entwickelt Purl eh die Idee mit dem Kind. Man merkt schon, das Lum und Purl als Theaterstückfiguren aus „Einige Nachrichten an das All“ nicht viel vom Leben wissen.

Gekonnt steckt Lotz – er sagt an und zieht die Strippen, wie wir wissen, aber Lum und Purl wissen es nicht – nun weitere Erzählungen dazwischen: Ein trauernder Vater, Nicolas Matthews, und seine verunglückte Tochter, Kristin Alia Hunold, ein auch im Tode aufgewecktes Kind, das dort ferner Heinrich von Kleist (Christina Thiessen) trifft und mit seiner vernünftigen Lebensfreude den von Weltschmerz beseelten Dichter voll auflaufen lässt. Oder die „dicke Frau“ von einigem Geltungsdrang, der Lisa Eder im netten Kugelkostüm (Tine Becker) einen fanatischen Zug mitgibt. Als „Leiter des Fortgangs“ (LdF) ist Felix Vogel auf Draht und setzt sich mit ausgeklügelten Zappeleien in Szene – eine klassische Witzfigur aus dem gegenwärtigen Theaterbetrieb, aber doch auch tragisch im Überengagement. 

Wer dazu neigt, sich zu viel Mühe zu geben, wird ihm irgendwo auch betroffen beim Schlenkern, Plappern, Japsen und Kandideln zuschauen. 

Die Devise des LdF, „nur keine Leere aufkommen lassen“, gibt dem mit Musik (Dominik Schiefner) durchsetzten revuehaften Verlauf einen Freifahrtschein, aber im Einzelnen ist Platz für kleine Virtuosenstücke und gibt es Anlass zum Kringeln und Gruseln. Lang, der feststellt, dass er (nämlich Lum) nicht lesen kann. Thiessen als Kleist, der vom Mopedschrauben schwärmt. Vogels Logorrhoe. Natürlich ist das eine Masche und Mode, aber gegen Wichtigtuerei setzt sie Witz und Selbstreflexion. Womöglich bleibt sogar etwas hängen und fällt einem später wieder ein.

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