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Schauspiel Frankfurt Verlorene Seelen in seltsamer unterirdischer Umgebung

Andreas Kriegenburg macht es sich und dem Publikum nicht leicht mit seiner Inszenierung von Kleists Lustspiel „Amphitryon“ am Schauspiel Frankfurt.

„Amphitryon“ am Schauspiel Frankfurt
Alle auf einmal: Patrycia Ziolkowska mit Fridolin Sandmeyer, an der Wand Christoph Pütthoff und Sebastian Reiß, die auf Max Simonischek starren, r. Friederike Ott. Foto: Birgit Hupfeld

Andreas Kriegenburgs „Amphitryon“ am Schauspiel Frankfurt ist von einem starken Formwillen geprägt, allerdings fragt man sich immer wieder, was hier und zu welchem Zweck geformt wird. Ein eigenwilliger Abend, an dem auch getanzt wird, an dem drei Stunden Gesamtdauer sich bemerkbar machen, an dem eine der raren rasend komischen Komödien in deutscher Sprache gedehnt und gedimmt wird, verkompliziert oder eher verziert. Denn Kriegenburgs ansehnliche, ausgetüftelte Bilder zu Heinrich von Kleists Lustspiel wollen nicht in Untiefen vordringen, halten sich an einer Oberfläche fest, an einer allerdings langsam verrückten Oberfläche.

Auf gelegentlich gemächlich laufenden Bändern fahren Menschen und Requisiten vorüber, gondeln in Zeitlupe nach links und rechts. Wären die Figuren nicht so mit ihren Problemen und Kleists Text beschäftigt, könnte das clownesk sein.

Markantes Bühnenbild mit Röhren

Von Harald B. Thor ist das markante Bühnenbild: Zwei bühnenbreite Röhren übereinander und nach vorne aufgesägt, damit wir gut hineinschauen können. Dass vor Beginn des Spiels erheblicher Straßenlärm zu hören ist, verstärkt den Eindruck, dass ein gepflegtes und trockenes, aber doch ein Kanalisationssystem Ort der Handlung ist. Manchmal liegt eine Röhre im Stockdunkeln, innerhalb der Röhren ist das Licht oft schummrig, manchmal unzuverlässig. Die bieder gekleideten Menschen wirken hier recht klein und fremdgesteuert, Orientierungspunkte haben sie nicht und wenn doch – etwa den kleinen Lounge-Bereich in der oberen Röhre –, dann bewegen diese sich wie beschrieben auf unberechenbare Weise. Es ist was faul im Stadtstaat Theben.

Effektvoll das Bild zum Auftakt. Sosias in der einen Röhre, Merkur in der anderen, Christoph Pütthoff und Sebastian Reiß als Biedermännlein in braunem Anzug zum braunen Pulli mit brauner Aktentasche, die Brillen sechziger Jahre (und die Kostüme von Andrea Schraad). Sie bewegen sich teils synchron, teils nicht (auch dies: unberechenbar), sie können einander nicht sehen, aber hören, so dass Sosias’ nächtlicher Monolog schon zum verwirrenden Dialog wird, bevor Kleist Merkur auf die Bühne schickt. Ebenfalls befremdlich, aber auf ganz andere Weise als nächstes die Begegnung zwischen Max Simonischek und Patrycia Ziolkowska. Amphitryon und Alkmene sind dermaßen verliebt, dass sie regelrecht aneinanderschwappen. Vor allem Alkmene muss sich dabei immens schlängeln, wie überhaupt von den beiden Schauspielerinnen eine weit überdurchschnittliche Biegsamkeit erwartet wird. 

Das Überspringen herkömmlicher Bewegungsabläufe zugunsten einer knochenlos wirkenden Elastizität wird hier einmal mehr zur Körpersprache eines Außersichseins. Welches bei Kleist buchstäblich eintritt, wenn sowohl Amphitryon als auch sein Diener sich selbst begegnen müssen, ohne ahnen zu können, dass es sich um verkleidete und auf Schurkereien sinnende Götter handelt. Die Beweglichkeit der Akteure steht für Kriegenburg aber offenbar nicht im Mittelpunkt des Interesses, das tatsächlich nicht leicht auszumachen ist. Vielleicht geht es ihm um etwas allgemein Befremdliches, eine außerirdische Gesamtsituation und das Unwohlsein daran, dass permanent der falsche Mensch am falschen Ort ist, ohne die Lage zu überblicken. Es ist alles unwahrscheinlich und doch: Hier sind sie ja.

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