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Schauspiel Frankfurt Unterm Neonröhrenbogen und durchs Vorhangsloch

Das Premierenwochenende am Schauspiel Frankfurt zeigt, wie unterschiedlich Textberge bewältigt werden.

„Das Schloss“
„Das Schloss“, hier Katharina Bach und Katharina Knap als Frieda und Wirtin. Foto: Birgit Hupfeld

Ein ausführliches Frankfurter Premierenwochenende widmete sich zwei großen Textmengen; Textmengen von einer Art, die Schauspielabenden einerseits widerstreben – wirklich viel Text, das eine ein Roman, in dem zwar andauernd gesprochen, aber noch mehr gewartet wird, das andere ein handlungsfreies Konvolut. Andererseits wissen Theater das zu schätzen, die Literaturadaption und die Handlungsfreiheit sowie speziell diesen Autor und diese Autorin. Franz Kafkas „Das Schloss“ wurde von Robert Borgmann, 1980 in Erfurt geboren, im Schauspielhaus inszeniert, Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ am Vorabend von Milos Lolic, 1979 in Belgrad geboren, in den Kammerspielen. 

Robert Borgmann hat sich offenbar vorgenommen, das Publikum zu zermürben und womöglich zu Tode zu langweilen, ihm zugleich aber zu demonstrieren, dass er etwas drauf hat, und zwar dreieinhalb Stunden lang. Das Zermürbende und das prätentiös Hippe wird überdeutlich während des unendlichen Endes. Borgmann vermittelt auf den letzten Metern noch eine bescheidene Botschaft – sie lautet: Wer sich nicht beizeiten trollt, der bleibt hängen und wird dick und traurig. Damit ist K. gemeint, sofern man der Handlung folgen kann – eigentlich kann man nicht, darum geht es auch nicht, es geht nicht um Kafka –, aber natürlich sagt das auch dem Zuschauer zu diesem Zeitpunkt etwas ganz Persönliches. 

Auch will Borgmann nun dem Publikum mit einem langen Zitat aus T. S. Eliots „The Waste Land“ den Rest geben, als wäre bisher einfach zu wenig gesagt worden. Eliot passt immer, wenn eine geheimnisvolle und doch zertifizierte (es ist T. S. Eliot!) Anhebung des Niveaus erwünscht ist. Dazu kommt, dass sich die Welt dem verzagenden K. zweifellos als ödes Land darstellt. Dass man nicht lang suchen muss, um zu rekonstruieren, dass Borgmann schon in seinem Stuttgarter „Richard III.“ 2014 tüchtig Eliot hineinassoziierte, macht es nicht interessanter. Es ist also nicht nur beliebig, es ist auch noch Routine.

Lolic hat sich all das nicht vorgenommen.

„Das Schloss“ spielt in einem ebenfalls von Borgmann entworfenen großen schwarzen Raum, Mauern und rudimentäre Sanitäranlagen links und rechts, Wasserhähne, aus denen Sand rieselt, eine Toilette als einzige Sitzgelegenheit. Der Untergrund teils sandig, niedrige Ebenen verschieben sich ein wenig, bei aller Kahlheit findet man sich nicht gut zurecht, wie ja auch der glücklose K. nicht. Markant und eindrucksvoll der gewaltige, aus zahllosen Neonröhren zusammengesetzte Bogen darüber, der viele Variationen stets kalten Lichtes erzeugt. Auch das Publikum muss gewärtig sein, plötzlich im Hellen zu sitzen. 

Während es am Anfang – und immer mal wieder – sehr dunkel ist, hört man ein schweres Atmen. Das klingt verheißungsvoll, und es fällt Borgmann ohne nicht schwer, für Stimmung zu sorgen. Nun sieht man einen nackten, sehr beleibten Mann (einen, wie sich nachher zeigt, schlanken und notwendigerweise sportlichen Mann in einem entsprechenden Kostüm von Thea Hoffmann-Axthelm). Der Mann zieht mühselig und schläfrig seine Kreise, das geht eine Weile so – wenn das eigene Zeitgefühl mit Borgmanns nicht kompatibel ist, hat man von vornherein ein Problem. 

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