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Schauspiel Frankfurt "Shoot/Katzelmacher/Repeat" Schleichendes Unbehagen

Das Spannende und das Umständliche tun sich zusammen: „Shoot/Katzelmacher/Repeat“, beklemmend im Bockenheimer Depot in Frankfurt.

Im Kaff: Paula König, Cennet Rüya Voß. Foto: Birgit Hupfeld

In einer spannenden Konstruktion bringt dieser Abend zwei Geschichten und zwei Umstände zusammen: Mark Ravenhills „Gestern gab es einen Vorfall“ (aus der Szenefolge „Shoot/Get Treasure/Repeat“, 2008 uraufgeführt) thematisiert eine Wut gegen Zeugen eines Gewaltverbrechens, die sich nicht melden und für diese Weigerung bestraft und zwar gebrandmarkt werden sollen. Dass die Zeugen sich unter uns Zuschauern befinden sollen, ist eine dolle Unterstellung, der man sich allerdings schwer entziehen kann. Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“ (1968) erzählt wiederum vom Einbruch des Ungewohnten in eine kaffige Gemeinschaft: In Gestalt eines griechischen Gastarbeiters, der als Projektionsfläche für Aggressionen und Fantasien aller Art dient.

Fassbinders Text erfasst das Ausmaß von Verblödung und Fremdenfeindlichkeit im ländlich-sittlichen Deutschland und den Zusammenhang zwischen beidem auf eine Weise, die bis heute immergültig wirkt und schonungslos folgerichtig abläuft. Die jähe Eskalation beim Briten Ravenhill hingegen knirscht dramaturgisch, aber das soll sie auch. Das Spannende und das Umständliche tun sich nun in der Produktion „Shoot/Katzelmacher/Repeat“ zusammen zu einer 80 Minuten andauernden unbehaglichen Gemengelage.

Die hier erstmals inszenierende Berliner Schauspielerin Susanne Wolff und die Dramaturgin Dagmar Borrmann stecken Teile der beiden Texte zusammen, bieten Theater mit und ohne vierte Wand und sorgen dafür, dass sich das Ungemütliche geradezu harmlos anschleicht. Die noch studierenden Darsteller in dieser Kooperation des Schauspiels Frankfurt mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und der Hessischen Theaterakademie tanzen vorerst in einem Seitenraum des Bockenheimer Depots. Alle tragen Tutus, aber das ist kein lustiges Männerballett, sondern eine Gruppe, die zuvor verabredeten (eingetrichterten) Regeln folgt und den um sie herumstehenden Zuschauern nahe kommt. Dann die Auskunft, dass gestern hier ein Schauspieler durch einen brutalen Schläger schwer verletzt wurde. Wer es gesehen hat, soll den Finger heben.

Aggression in plattester Form

Nach der Ravenhill-Szene geht es durch die Bühne zur Zuschauertribüne, vorbei an Fotos, unangenehmen der Schauspieler und herkömmlichen aus Familienalben: Das ist die Heimat im Fassbinder-Stück, in ihrer Mitte hängt über einer Betonfläche eine Schaukel, deren Sitzfläche ein Baseballschläger ist (Bühne: Anne Ehrlich). Hier will man nicht sein. Die Bewohner kennen es nicht anders, aber glücklich sind sie nicht. Sie beschimpfen die Fotos, während die Zuschauer sich ihren Weg zu den Plätzen bahnen. Aggressionen sind das Oberthema des Abends, hier sozusagen in ihrer plattesten Form

Beklemmend stark und auf Draht wird Fassbinder angespielt, nicht zuletzt, weil im „Katzelmacher“ anders als in dem um Ecken konstruierten Ravenhill-Text alles umstandslos plausibel ist (auch in den heutigen Kostümen von Raphaela Rose). Die neun Schauspielerinnen und Schauspieler imponieren mit einem abgebrühten, harten, unmanierierten Spiel, zur Abwechslung einmal mit mehr Präsenz als Sportivität.

Ausgerechnet nachdem sie den Griechen zusammengeschlagen haben, mischt sich der Ravenhill-Text wieder ein. Die Dummheit in den stumpfen Gesichtern und den Plattitüden geht einem womöglich noch mehr nach als die Wut.

Bockenheimer Depot, Frankfurt: 27., 28., 30. Mai, 6., 12. Juni. www.schauspielfrankfurt.de

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