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Schauspiel Frankfurt Schwimmen auf dem Trocknen

Wenn das Leben, das man kennt, aufhört: Joan Didions Buch „Das Jahr magischen Denkens“ in einer überzeugenden Bühnenfassung von Therese Willstedt in der Box des Schauspiels Frankfurt.

01.02.2016 17:01
Von Grete Götze
Kate Strong und Heidi Ecks in "Das Jahr magischen Denkens" in der Box am Schauspiel Frankfurt. Foto: Birgit Hupfeld

Joan Didion ist gerade cool. Das wird nicht zuletzt dadurch belegt, dass das französische Modelabel Céline die schmale amerikanische Schriftstellerin, die meistens Rollkragenpullover trägt, 2015 zum Star seiner neuen Kampagne gemacht hat – und beim Geschäftemachen hört der Spaß bekanntlich auf. Es ist also nicht sehr mutig, das Buch der achtzigjährigen Vorzeigeintellektuellen über den Tod ihres Mannes und den bevorstehenden ihrer Tochter, den überdies 600.000 Amerikaner gelesen haben, auf die Bühne der Box des Schauspiels Frankfurt zu bringen.

Aber erstens ist „Das Jahr magischen Denkens“ ein wirklich guter Roman. Mit einer unmittelbaren, plastischen Sprache, der trotz seines Hauptthemas Tod bisweilen sehr lustig ist.

Und zweitens hat sich die 1984 in Schweden geborene Regisseurin Therese Willstedt mit der Performerin Kate Strong und mit Heidi Ecks zwei optimale Darstellerinnen für einen Theaterabend dazu gesucht. Strong, die Britin, die viele noch aus ihrer Zeit beim Frankfurt Ballett unter William Forsythe kennen, bevor sie an die Berliner Volksbühne weiterzog. Und das Ensemblemitglied Ecks, das sich nicht davor scheut, für eine Rolle auch die hässlichen Seiten eines Charakters aus sich hervor zu suchen.

Alles Bekannte hört auf

Zusammen stehen diese beiden erwachsenen Frauen auf einem marmorartig gekachelten, hellen Bühnendreieck. Es könnte eine Hotellobby sein, aber auch ein gekacheltes Bad. Ein kalter, anonymer Ort. Beide Darstellerinnen tragen ein schwarzes Kleid, die gleichen Schuhe, die gleichen zurückgesteckten grauen Haare. Ihre Ähnlichkeit ist verblüffend. Und während Ecks den Monolog zu sprechen beginnt, kauert Strong schon in einer Ecke. „Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.“

Das ist einer jener Sätze, die so unbehaglich klar daher kommen, dass der Zuschauer sofort eine Idee davon bekommt, wie es gewesen sein muss für Didion, deren Mann nach 40 gemeinsamen Jahren beim Abendessen plötzlich einen Herzinfarkt erlitt und starb.

Ecks und Strong begeben sich zusammen in den Text, in die Stimmung des Romans hinein, ohne jegliches Wetteifern. Meistens spricht nur Ecks. Strong findet mit ihrem Körper Entsprechungen. Die Britin, die etwas fast Kauziges, Männliches an sich hat, schwimmt etwa bäuchlings auf trockenem Boden voran. Versucht, sich in all ihrer Größe in ein kleines rundes Aquarium hinein zu manövrieren, was natürlich nicht funktioniert. Tätschelt einen toten Fisch, den sie auf ihre Schulter gelegt hat.

Sie findet eigenartigste Bilder für die Ver-Rücktheit, die jeden einsam Trauernden umgibt. Neben Ecks sitzt sie mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden. Beide rauchen, mit beinah erstarrtem Gesicht, und hören Meditation vom Band. Strong, sie scheint einerseits die mit ihrer Trauerarbeit schon weiter voran geschrittene Didion zu sein, die Erinnerungsfotos zerreißt, um etwas Neues beginnen zu können. Vielleicht ist sie aber auch der verrückte Teil Didions, den Ecks auslagern muss, um überhaupt sinnvoll weiter leben zu können.

Obwohl nach dem 80 Minuten langen Abend klar ist, dass eine Bühnenfassung von 20 Seiten keinen 250 Seiten starken Roman wiedergeben kann, transportiert die Inszenierung die richtige Stimmung für den Text. Willstedt, Mitglied im Regiestudio, ausgebildet in Tanz und Regie, findet einleuchtende Bilder und hat die passenden Sätze aus dem Roman destilliert.

Schauspiel Frankfurt, Box: 2. Februar, 29./30. März. www.schauspielfrankfurt.de

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