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Schauspiel Frankfurt "Nach dem Fest" Unverhältnismäßiges Unglück

Der Maler, Fotograf und Videokünstler Hans Op de Beeck zeigt am Schauspiel Frankfurt seine erste Theaterarbeit. "Nach dem Fest" ist eine als Konversationsstück getarnte Installation und nicht bequem einzuordnen.

"Nach dem Fest" am Schauspiel Frankfurt, hier: Torben Kessler und Franziska Junge. Foto: Birgit Hupfeld

Hans Op de Beecks Video „Staging Silence (2)“ gehörte mit der unter schwarzem Kaffee langsam einfallenden Zuckerwürfel-Skyline zu den markanten Arbeiten und Augentäuschungen des just gestern beendeten Ausstellungsprojektes „RAY“ in Frankfurt (und Rhein-Main). Eine kuriose Idee, als penible Bastelarbeit durchgeführt, mündet gewöhnlich nicht in eine derart ultimative Katastrophe, die dann je nach Perspektive wieder bloß zum reich belohnten Gedulds-Experiment im Haushalt und mit anschließend ungenießbaren Lebensmitteln wird.

Weiß wie weißer Zucker und stellenweise mit Dunkelheit übergossen, von ihr verschluckt, ist auch das Bühnenbild zu „Nach dem Fest“, der ersten Theaterinszenierung des 1969 geborenen Belgiers. Schauspiel-Intendant Oliver Reese besuchte ihn vor einiger Zeit eigens, um ihn zu bitten, etwas für das Frankfurter Haus zu entwickeln. Drei kreisförmige Platten hat Op de Beeck dafür nun in den Kammerspielen installiert, drei weiße Modell- oder Puppenhäuschen darauf, neben denen die Figuren wie Riesen sitzen: Bernard (Peter Schröder), der Vater, der sich in einem hippen Wellness-Hotel aufhält und auf der futuristischen Liege langweilt. Lauren (Franziska Junge), die Tochter, die sich mit rätselhaft dunklem Computer-Equipment perfekt verkabelt und abgekapselt hat. Anton (Torben Kessler), der im Rollstuhl und mit seiner maushaften Frau Elise (Verena Bukal) in einer gottverlassenen, aber furchtbar frommen Gegend in den USA hockt und Aquarelle malt (wie Hans Op de Beeck, aber wir bekommen nichts davon zu sehen).

Die Größenverhältnisse stimmen nicht, die räumlichen Verhältnisse stimmen ebenfalls nichts, denn jederzeit können die Figuren miteinander auch direkt ins Gespräch kommen, und das nicht nur, weil Lauren die Lage mit Webcams im Blick behält.

Hier stimmt doch was nicht

Überhaupt stimmen die Verhältnisse nicht, nicht in der kleinen Familie, in der die Toten die Lebenden fast schon auf- und am Ende überwiegen. Auch nicht im dramaturgischen Aufbau, den es in „Nach dem Fest“ eigentlich gar nicht gibt. Der Text ist am ehesten eine als Konversationsstück getarnte Installation, ein Spiel mit einem Pseudo-Well-made-Play. Als die Seifenoper vorbeischaut und Lauren erfährt, dass sie und Anton nicht Bernards Kinder sind, schüttelt Franziska Junge bloß den Kopf und lächelt. Keine ist so umwerfend lakonisch wie sie, aber es ist auch insgesamt beeindruckend, den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie die Situation genau so im Vagen belassen, wie es dem Künstler offenbar vorschwebt. Keine Schule, keine Manier, die Menschen fast wie echt, aber darum ganz artifiziell. Die Musik, ebenfalls von Op de Beeck, arrangiert von Tom Pintens, ist die gleichmütigste aller möglichen Grundierungen.

Dass das Bühnenbild, abgesehen vom Springbrünnlein, unbeweglich bleibt und wenig benutzt wird, ist unerwartet, aber keine Schwäche. Das trifft eher auf den Versuch zu, eine Schlusspointe zu finden, indem Lauren sich in den verlassenen Rollstuhl setzt. Aber das bleibt so im Ungefähren, dass alle Gefahr der Bedeutungshuberei, überhaupt der Bedeutung gebannt sind. Die langweiligen, die komischen Seiten des Unglücks will Op de Beeck hingegen nicht bannen. Man sieht zu, hilf- und ratlos, womöglich unglücklich und zugleich für 75 Minuten auch unterhalten.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 24., 25. September, 2., 10., 11., 23. Oktober. www.schauspielfrankfurt.de

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