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Schauspiel Frankfurt Momente von Angst, aber auch Nähe

Das inklusive Jugendclub-Projekt „Erste letzte Menschen“ zeigt im Bockenheimer Depot eine eingespielte Gemeinschaft.

Rückendeckung von der Gemeinschaft. Foto: Jessica Schäfer

Im Dunkeln kommen sie von hinten heran. Nur ein buntes Lichtspiel, das lebhaft am Rad eines Rollstuhls hin und her tanzt, ist deutlich zu sehen. Urwaldartige Geräusche erklingen, während zwölf Jugendliche leise auf der Bühne im Bockenheimer Depot Platz nehmen. Sie alle sind Mitglieder des Jugendclubs am Schauspiel Frankfurt. Als das Licht angeht, tritt Valentin Immenschuh zuerst ans Mikrofon. Vorsichtig formuliert er seine Sätze. „Ich will, dass es euch gut geht und ihr nicht so traurig seid“, sagt er. Hinter ihm bilden die anderen elf, die am Inklusionstheaterprojekt „Erste letzte Menschen“ mitwirken, eine stärkende Reihe. Sie sitzen vor einem überhöhten, langen Tisch. Darauf türmt sich kunterbunt zusammengetragenes „Zeugs“ wie Teddybären, eine Rettungsweste oder ein Fuchs. Wer will, trägt nach und nach ein Teil nach vorn und legt es vor den Zuschauern auf den Boden.

Es ist ein besonderes, von Regisseurin Martina Droste und Performer Chris Weinheimer in leichter, allgemein verständlicher Sprache inszeniertes Theaterstück, das auf Geschichten der Menschheit blickt, philosophische Fragen anspricht und individuelle Momente festhält. Entstehungsmythen der Welt werden erinnert und Fragen gestellt:

„Wer von euch war schon einmal tot“, fragt Can Hormann. „Fast“ antwortet er sich dann und erzählt die Geschichte, über die er eigentlich nicht mehr hatte sprechen wollen: In der Grundschule hatte er einmal mit seinem Rollstuhl am Treppenlift gestanden. Der Lift funktionierte nicht. Weil beim Warten die Bremse nicht aktiviert war, rollte der Stuhl weiter. „Ich fiel acht Stufen“, sagt Can nun mit fester Stimme und beschreibt, wie er mit Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma ins Krankenhaus gebracht wurde.

Erinnerungen an solche Momente von Angst und Nähe fließen in den Erzählstrom der Jugendlichen ein. Eine nachgestellte Szene erinnert beispielsweise an eine Kriegsszene. Ein Junge steht zwischen zwei Soldaten. Sie haben einen Munitionsgürtel quer über ihre Uniform gehängt und richten ihre Maschinengewehre direkt auf ihn.

Solch bedrohlichen Szenen stehen entspannte Momente gegenüber. Zum Beispiel, als Tina Herchenröther eine von Anne Leichtfuß in leichte Sprache übertragene Fassung des „Räuber Hotzenplotz“ vorliest. Das Buch aus Pappkarton ist fast eine Armlänge groß. Im Rollstuhl sitzend, liest sie Zeile für Zeile ruhig vor. Als das Publikum über eine witzige Szene lacht, freut sich die Lesende zutiefst über die Wirkkraft ihrer Worte. Über die Bühne verteilt halten alle anderen Darsteller ebenfalls große Pappplakate in die Höhe. Die jeweils vorgelesene Passage ist darauf wie eine Art Übertitel nachzulesen. Die Stimmung ist lebhaft bewegt und ähnelt mit den vielen Plakaten einer Großdemonstration. Jeder nimmt daran auf eine eigene Weise Anteil. Es ist eine lebendige, gut aufeinander eingespielte Gemeinschaft. Niemand wirkt allein. Jeder zeigt andere Möglichkeiten.

 

Schauspiel Frankfurt, Bockenheimer Depot: 14., 15., 18., 20., 22. Dezember. www.schauspielfrankfurt.de

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