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Schauspiel Frankfurt Misstrauen gegen den antiken Stoff

Das Schauspiel Frankfurt zeigt Ted Hughes’ spätes Stück „Alkestis“. Erlebbar ist ein kurioser Widerstreit - auch wenn die Regie dem Zuschauer wenig zutraut.

Paula Hans und Nico Holonics in Julie Van den Berghes "Alkestis". Foto: Birgit Hupfeld

Wie alle Werke des unglückseligen Ted Hughes liest man auch sein spätes Stück „Alkestis“ (1999 veröffentlicht, ein Jahr nach seinem Tod) als Reflexion auf seine und Sylvia Plaths Geschichte. Natürlich ist das vorschnell und ungerecht, dann aber auch wieder spannend und irritierend, wenn der Witwer einer Frau, die sich das Leben genommen hat – und unfassbarerweise noch einer zweiten, die dasselbe getan hat, nur war sie nicht so berühmt wie die Dichterin Plath –, ausgerechnet diesen Euripides-Text bearbeiten möchte.

Admetos’ gottgewollter Tod ist nur zu verhindern, wenn sich ein naher Verwandter für ihn opfert. Seine Frau Alkestis ist bereit dazu. Dass Herakles, der Stärkste der Starken, nachher in der Lage ist, sie dem Tod zu entreißen, macht die dubiose Position des Gatten nicht wett, eher im Gegenteil. Sehr interessiert sich Hughes für die Schrecklichkeit, ein solches Opfer anzunehmen, das seinen Admetos, der seine Frau tatsächlich sehr liebt, ja ausschließlich unglücklich machen wird. Dass er es tut, hat mit Staatsräson zu tun, aber eben auch mit der Schrecklichkeit des Todes, die die Schrecklichkeit des Opfers immer noch überwiegt. Zu überwiegen scheint.

Es ist eine wunderbare Wahl, dass bei der späten deutschsprachigen Erstaufführung des Stücks Nico Holonics den Admetos spielt. Ungemein geeignet ist er, die Irritation eines Mannes zu dokumentieren, den man in gewisser Hinsicht einen Feigling nennen könnte. Eines Mannes, der, nun ja, im Wortsinn auf Kosten seiner Frau lebt. In seinem verlegenen Lächeln und Herumstehen, ein bisschen schief, aber eben auch verdammt quicklebendig, zeigt sich fein und böse jenes Sich-Kringeln in die Verdrängung hinein, vor allem mithilfe einer ästhetisierenden Überhöhung der Trauer. Und man sieht das sogar hinter der monströsen Maskerade, die die niederländische Regisseurin Julie Van den Berghe ausgerechnet für dieses allemal existenzielle Dinge auslotende Werk passend fand.

Denn was jetzt am Schauspiel Frankfurt zu erleben ist, ist ein kurioser Widerstreit: Hier die routinierten Albernheiten eines mit Exaltation und Popmusik aufgepeppten Schauspielspektakels, wie es fast auf jedes Stück angewendet werden kann, wenn die Regie eben darauf besteht. Dort die Darsteller (und sozusagen das zweite Ich der Regisseurin), die sich doch auf das einlassen wollen, was hier konkret verhandelt wird. Das scheint aber immer nur gelegentlich durch zwischen Songs, jammervoll erhobenen Armen und auch Geschrei und Spezialeffekten. Ebenso verschwindet dahinter weitgehend die bis zur Flapsigkeit moderne Übersetzung von Durs Grünbein (Herakles: „Bisher ging der Tod mir am Arsch vorbei“). Van den Berghe lässt sich nicht darauf ein, dass wir drei reizvolle literarische Schichten vor uns haben. Und sie verzichtet ausgerechnet auf einen Höhepunkt von Hughes’ „Alkestis“-Version.

Das vorletzte Wort wird nicht gesprochen

En detail erlebt da Herakles, zunehmend betrunken und verwirrt, seine gefahrvollen Abenteuer nach, und just in dieser labilen Verfassung erfährt er endlich, um wen der Hof trauert. Nicht um einen Gast, wie Admetos ihm weisgemacht hat, der am liebsten über die ganze Sache mit seinem alten Kumpel nicht sprechen würde, sondern um die Königin selbst. In Frankfurt bleiben Teile erhalten, dann aber steigt Herakles kurz mal in die Bütt, bevor ihn der Chor unterbricht. Dieses Misstrauen gegen die Kraft des antiken Stoffes weckt wiederum das Misstrauen gegen eine Regie, die uns rein gar nichts zuzutrauen scheint.

Vor das Buhei schiebt Van den Berghe einen kreuzbraven Beginn. Der Tod in Person von Viktor Tremmel – teuflisch roter Damenschuh, Luxusnägel – liest an einem Tisch vor dem Vorhang (Bühne: Lucas Devriendt) Textteile vor. Dann ersteht Alkestis, Paula Hans – schon vorab beim Turteln mit ihrem Mann zu sehen –, recht sensationell aus einem weißen Riesenballonobjekt. Ihr Gesicht ist wie das von Admetos eine schwärende Wunde, ihr Kleid (Kostüme: Tessa de Boer und Joris Suk) ein stacheliges Korsett aus Plastikfesseln. Ihr Worte aber sind die eines Menschen, der kerngesund ist und weiß, dass er gleich stirbt. Markerschütternd gelingt die Szene, in der Tremmel sie holen kommt: erst Zinnober, dann das fixe Halsumdrehen. Und wie das knackt.

Zur reduzierten Besetzung gehören Björn Meyer als obelixhafter Herakles, der tapfer versucht, das zutiefst Menschliche der Figur nicht verschütt gehen zu lassen; Peter Schröder als grandios drückebergerischer, die Flucht nach vorne suchender Vater; Heidi Ecks als vorgeführte Mutter und lebhafter Chor; Justus Pfankuch als gitarrespielender Apollo; Virginia Goldmann singt und ist zwischendurch eine Meerjungfrau. Allzu vage und allgemein verfolgt Van den Berghe aber die Möglichkeit, dass es hier um Frauenbilder gehen könnte. Was den Text betrifft, wird in Frankfurt nicht einmal das vorletzte Wort gesprochen.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 16., 17., 26. Dezember. www.schauspielfrankfurt.de

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