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Schauspiel Frankfurt Ideen aus dem Ärmelkanal

Jürgen Kruse inszeniert in Frankfurt Joe Ortons „Seid nett zu Mr. Sloane“ in gewohnter Losgelassenheit.

Auf dem Weg ins Bühnenbild und in eine Jürgen-Kruse-Inszenierung: Heidi Ecks und Manuel Harder in "Seid nett zu Mr. Sloane" am Schauspiel Frankfurt. Foto: Birgit Hupfeld

Jürgen Kruses Widerstreben,sich dem doch ziemlich jubelnden Publikum nach der Premiere zu zeigen, ist von Koketterie so weit entfernt wie seine Inszenierung von einer subtilen Annäherung an das Stück: Joe Ortons 1964 uraufgeführtes Debüt „Seid nett zu Mr. Sloane“. Nicht ganz so weit entfernt ist sie von Jürgen Kruses Inszenierung von Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ am selben Ort vor anderthalb Jahren. Jürgen Kruse ist ein Individualist, aber mit ihm selbst kann man ihn leicht verwechseln. Um damit gut zurechtzukommen, muss man Freude daran haben, dann und wann ins Theater zu gehen und sich einen Kruse anzuschauen.

Die Gelegenheit ist nun vergleichsweise günstig. Joe Orton und Jürgen Kruse, da ist ein Zueinander. Der Abend in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt, am Vortag von Kruses 56. Geburtstag, ist über weite Strecken so, als würde vom Text die Politur der Konversation, der allmählichen Annäherung an die Provokation entfernt. Als würde unverhüllt und aus dem Stand die wilde Losgelassenheit gespielt, die darunter nicht nur lauert, sondern faktisch ja zum Tragen kommt. Mr. Sloane, der Schmarotzer im Mantel des unauffälligen jungen Mannes, der sich bei einer interessierten Dame und ihrem ebenfalls interessierten Bruder einnistet, dürfte auch ein Mörder sein. Als er dadurch erpressbar wird, sind die Geschwister durchaus bereit, ihn sich als Liebhaber in einem bestimmten zeitlichen Takt zu teilen. Die sexuelle Ausbeutung eines jungen Mannes wird in dieser Form selten thematisiert, sagen wir mal. Homosexualität war in England zudem bis 1967 strafbar. Manuel Harder und Oliver Kraushaar küssen sich lang und ausführlich und dann gleich noch einmal.

Der Abend dauert drei Stunden mit einer Pause, aus der mancher Premierenbesucher nicht wiederkehrte. Wer blieb, war dann meistenteils begeistert oder von der Presse. Den Vorhang öffnet wieder eine reizende junge Frau, eine zweite ist im oberen Stock der Bühne unterwegs, eigentlich doch einfach nur so, aber einmal wirft sie auch Pingpongbälle. Während sich das Auge gewöhnt, werden Akt und Regieanweisungen jeweils mehrfach aus dem Off wiederholt, durchaus auch mit Märchenonkelstimme, die erst recht konterkariert, dass dann natürlich irgendetwas völlig anderes passieren und zu sehen sein wird.
Unten befindet sich das Wohnzimmer von Kathrin, in dem die Schlamperei herrscht, die zu einem Kruse-Inszenierungsbühnenbild zwingend dazugehört und von Volker Hintermeier wieder liebevoll hergestellt wurde. Die Zigaretten befinden sich in einer Steingutanananas, der Kühlschrank befindet sich in einem interessanten Verrottungszustand, überhaupt wurde keine Mühe wurde gescheut, um dem Auge etwas zu bieten. Nebel quellen, und manchmal geben einem psychedelische Wimmelbildprojektionen den Rest.

Dabei gibt es, auch dies keine Überraschung, aber wieder rigoros durchgezogen, keine Psychologie, nicht den Ansatz eines psychologischen oder meinetwegen auch gesellschaftlichen Interesses, kein Erbarmen mit den Figuren und dem Text. Die Übersetzung von Brigitte Landes wird zelebriert und massakriert zugleich, ein impertinenter, aber doch auch entschlossener Vorgang. Durch den eine Besserwisserei, eine Wichtigtuerei entsteht, die gezielt völlig ins Leere geht. Vorsilben werden ausbuchstabiert (b-e-zaubernd), wenn es läutet – und es läutet oft in diesem Stück –, dann läutert es, und wenn einer ernsthaft Probleme bekommt, dann sind es „ernst Haftprobleme“. Das ist eine Ebene saudummer Pfiffigkeit, die vor allem Kraushaars latent gewaltbereitem Unternehmer Ed gar nicht so unpassend untergeschoben wird. Ja, er ist ganz der Typ, der Ideen aus dem Ärmelkanal schüttelt.

Denn die Figuren sind zwar hohl und nichtig – und im Wortsinn Projektionsflächen –, aber dafür wiederum ganz schön plastisch. Heidi Ecks gerät geradezu in ihr Element als abgehalfterte, aber nicht zum Aufgeben neigende Kathrin, wechselt die Perücken und den Umgangston bei jedem Auftritt, ist Luder, Scharteke, Diva, Trulla, Spinnen- und Biederfrau, deren Egoismus sich in einer Bodenlosigkeit geradezu genussvoll vor uns öffnet. Sie sitzt schon da, probiert an ihren ersten Sätzen herum, dann erst läutert es und Sloane latscht herbei, Harder, wieder Hardcoreblödsinnmacher, wieder bereitwillig auch nackt (wie neulich in den „Dämonen“), wieder das Zentrum eines Frankfurter Kruseabends (wie in „Draußen vor der Tür“). Er ist so unverschämt, dass er damit vermutlich weit mehr Orton und „angry young man“-Haltung (völlige Haltlosigkeit) transportiert als hundert wackere Orton-Inszenierungen. Die Szene, in der er Kontakt zur Souffleuse aufnimmt, ist genial, ungeachtet der interessanten Frage, ob sie geplant war oder nicht.

Als Kemp, der Vater von Kathrin und Ed, dem unangenehmen Geschwisterpaar, ist schließlich Michael Altmann zu sehen, unter einer Decke taucht er auf, murrt und schimpft und macht kein Hehl aus der Verwüstung des Alters. Gleich versohlt er Manuel Harder den nackten Hintern, wie bei Max Ernst die Jungfrau Maria dem Jesuskind.

Man hat nicht den Eindruck, dass solche Szenen eine Provokation sind. Eher wirkt es müde, ein Theater von einst, das, wenn es jemals einen Sinn hatte, nichts mehr davon wissen will. Während die Darsteller total auf Draht sind. Ein Kontrast, dem man sich schwer entziehen kann.

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