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Schauspiel Frankfurt Eine verwöhnte Tussi namens Juliet

Marius von Mayenburg hat im Schauspiel Frankfurt viel Spaß mit Shakespeares Liebesdrama.

Theater
Mauerkinder, sportlich: Torsten Flassig, Sarah Grunert. Foto: Thomas Aurin

Vorab lautete das Gerücht, man müsse sich tätig auf eine Seite schlagen, die der Montagues oder die der Capulets. Aber bereits mit dem Erwerb einer Karte ist man zugeteilt: Wer einen Platz in den Stuhlreihen auf der Bühne des Schauspiels gekauft hat, sieht vor allem die Capulets leibhaftig, die Montagues zwar live, aber meist per Video-Projektion. Wer einen Sitz im Theatersaal hat, nimmt das Geschehen durchweg nur von der anderen Seite aus wahr. Denn eine die Sicht auf die jeweils andere Familie / Zuschauergruppe nehmende Mauer (Bühne: Stéphane Laimé) prägt Marius von Mayenburgs Inszenierung von „Romeo und Julia“, die jetzt ihre Frankfurt-Premiere hatte.

Außerdem ist der Abend geprägt von der Regiehaltung: Mit Shakespeare kann man lässig und lässigen Quatsch machen, aus diesem Stück also eine Art Romeo & Juliet Horror Picture Show mit Slapstick-Elementen, Grusel-Effekten und derb-saftiger Sprache (Mayenburg hat eine eigene Textversion geschaffen). Außerdem ist der Abend geprägt vom deutlichen Bestreben, die Dinge nur ja nicht richtig traurig werden zu lassen. Ziemlich flott geht alles Unangenehme, aber halt irgendwie Unvermeidliche. Juliets letzte Worte sind: „Dann mach ich’s kurz“. Und sie macht es wahrhaftig kurz: schlitzt sich die Adern auf (unblutig), legt sich zu Romeo, der nach ein paar Schmerzkrümmern wegen Gift gleich schon tot oben auf der Mauerkrone liegt ... das war’s.

Bis auf das allerletzte Wort, das hat wie bei Shakespeare Veronas Herrscher, hier eine körperlose Stimme aus dem Megafon. Anfangs hat er vergebens gedroht und Frieden angemahnt, nun stellt er fest: „alle sind gestraft“. Da ist was dran. Weniger klar wird an diesem Abend, ob einen das betroffen machen soll.

Der auch als Dramatiker bekannte Mayenburg will sich ohnehin weniger auf die Liebesgeschichte einlassen, als der Todessehnsucht der Figuren nachgehen. Sein Pater – Michael Schütz in schwarzem Leder, schwarzer Brille, mit langen schwarzen Haaren (Kostüme: Miriam Marto) – ist drogensüchtig, setzt sich einen Schuss, brummelt Leonard Cohens „You Want It Darker“. Juliet singt in ihrer Kammer „Killing Me Softly“. Und Michael Jacksons „Thriller“ begleitet die Party/Geisterstunde bei Capulets (bei Shakespeare ist es ein Maskenball), in der Juliet zuerst als zersägte Jungfrau über dem Tisch schwebt, dann unter dem Tisch mit Romeo turtelt, während die anderen den Kopf zwischen Tischtuch und -platte stecken. Aber warum?

Mayenburg hat viele Regieeinfälle und setzt sie um, koste es an Folgerichtigkeit, was es wolle. Eine Konfettikanone schießt zum Auftakt der Halloween-Party schwarze und weiße Papierschnipsel übers Publikum. Juliet trägt öfter toten Oktopus im Einweck-Glas spazieren. Ach ja, schwarze Tinte. Nils Kreutinger ist eine haltlos blödelnde Amme, Matthias Redlhammer eine tuntige, keifende Capulet-Chefin („du verwöhnte Tusse“, „du anämisches Gerippe“, „Zimtzicke“ beschimpft sie ihre Tochter). Mercutio, Jakob Benkhofer, muss erwartungsgemäß ebenfalls zügig dahinscheiden – immerhin darf er mehrfach den Satz loswerden: „Die Pest auf eure beiden Familien!“ Und Fridolin Sandmeyer, am Premierenabend verletzt und mit Beinschiene auftretend, entledigt sich gekonnt seiner Paris- beziehungsweise Tybalt-Klischees.

Durch betonte Nüchternheit in der berühmtesten Szene gelingt es Mayenburg (und der beeindruckenden Sarah Grunert) immmerhin, dass beim Nachtigall-Lerchen-Satz nicht der Hauch eines Lachens zu hören ist. Aber überwiegend ist die Stimmung im Schauspiel gut, besonders beim jungen Publikum. Fröhlichen Szenenapplaus gar gibt es, als Torsten Flassig, Romeo, sich einmal an die Mauerkrone klammert wie Stummfilm-Star Harold Lloyd an die Uhr (eine etwas panische Juliet hat ihm den Stuhl weggezogen) und dann mit Muskelkraft vollends hochzieht. Ausführlich lässt dieser Abend die Muskeln spielen, einen tieferen Sinn hat das selten.

Schauspiel Frankfurt: 12., 21., 22. Februar, 2. März. www.schauspielfrankfurt.de

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