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Schauspiel Frankfurt Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen

Die Spielzeit im Schauspiel Frankfurt eröffnet mit dem „Haarigen Affen“ und „Räuber. Schuldenreich“.

Nils Kreutinger und André Meyer als Kong und Yank
Das Ende vom Konzert: Der Gorilla bringt den Menschen um. Nils Kreutinger und André Meyer als Kong und Yank. Foto: Arno Declair

Unter dem sich langsam hebenden Oberdeck tut sich das Zwischendeck auf (hier sitzen die von Thomas Mahmoud geleiteten Schlagzeuger), ganz unten schließlich der Heizraum, Yanks Reich. Das ist André Meyer, der einen ruhigen und ironischerweise besonders unhaarigen Mann zeigt, während um ihn herum sozialistische Aufmüpfigkeit (Stefan Graf als Long) und nostalgische Resignation (Michael Schütz als Paddy) abgehandelt werden. Katharina Linder führt als „Conferencier“ durch die Handlung (die Regieanweisungen). 

Benutzt werden natürlich Mikrofone, dazu die neue Übertragung von Clemens Meyer, die wortgewandt, aber auch sehr kalauernd auf die Gegenwärtigkeit der Vorfälle zielt. Die Unbestimmtheit der Tonlage – wird es jetzt ernst oder bleibt noch Zeit für ein Späßchen am Rande? – geziemt dem Schriftsteller, birgt aber im Theater die Gefahr, nicht schwebend, sondern läppisch zu werden. Liegestühle werden verdammt schnell zu Lügenstühlen, aber bei der Erwähnung des Familiennamens Douglas darf das „Come in and find out“ dann auch nicht fehlen, die (reiche) Bagage liegt wie Baggage herum^, und für die Erbin, Ms Douglas, Luana Velis in einem Wow-Kleidchen (Kostüme: Jelena Miletic), bleiben die Dinge „boring, boring, so tief sie auch bohrt“. 

„Birgt“ ist ebenfalls nicht das richtige Wort, denn man kann jetzt deutlich sehen und hören, wie herumgewütet und herumgeredet (also herumgeschrien) wird, ohne dass das mit der Wucht des Schlagzeugspiels auch nur im mindestens mithalten könnte. Wie überhaupt die Wut eine Vorstellung von Schauspielern bleibt, die wütend spielen. Es ist nicht naturalistisch, es ist nicht surreal, es ist interessanterweise nicht einmal fürchterlich roh – obwohl Yank ein bisschen das Publikum beschimpft und ihm angeblich seinen Hintern zeigt (ich habe nichts gesehen), Katharina Linder zwischendurch einen Abbruch der Vorstellung simuliert und junge Frauen aus dem Publikum sich auf den inzwischen in der Stadt angekommenen haarigen Affen stürzen. Das erzählt ferner nichts, was man nicht schon wusste (dass es doof ist, nicht dazuzugehören, aber dass Wut der schlechteste Ratgeber ist, aber man kommt halt nicht dagegen an). Es ist ein opulent verpacktes Mittelmaß. 

Ein starker Moment ist der, in dem die Wütenden dann doch gemeinsam ihrer gut eingeübten, vertrauten Knochenarbeit nachgehen. Eigentlich schon zu spät: Um sich mit der Entfremdung von der Arbeit zu befassen, muss man sich über die Arbeit selbst im Klaren sein, das wäre jedenfalls vorstellbar. Am dürftigsten wird es nach der Pause, wenn der vorher schon wachsende Eindruck, dass hier lediglich die Hülle fertig geworden wäre, sich in einer hingehuschten Fifth-Avenue-Prollerei und einer sich hinziehenden Gorilla-Szene manifestiert. Auch hierfür ist der technische Aufwand beträchtlich, André Meyer im etwas überraschenden Plastikanzug und der Gorilla, Nils Kreutinger im naturalistischen Kostüm, befinden sich mit Sicherheitsseilen auf zwei schwebenden Platten. „Yes, we can“, erklärt der Gorilla (neben vielem anderen), und die heruntergelassenen, von Katharina Linder noch schnell losgehakten Gestalten gehen / wanken aufeinander zu. Der Gorilla drückt den Menschen tot, noch bevor dieser sich versieht. Dazu gibt es keine Musik mehr.

Das steigert aber nicht mehr eine Intensität, sondern lässt den Abend sang- und klanglos enden.

Ist eine Familie als Gruselkabinett überlebensfähig? Durchaus, da Fortpflanzung noch von den wütendsten Sprösslingen nicht vermieden wird. Schon bilden sie sich wieder etwas ein auf ihre Liebe und denken vielleicht, bei ihnen werde das jetzt etwas anderes sein. Man muss den Text zu „Räuber. Schuldenreich“, einer äußerst vagen Schiller-Paraphrase und einem überschaubaren Schocker, der sich nicht mit Begründungen aufhält, nicht bedeutender machen, als er ist. Aber David Bösch in den Kammerspielen denkt wunderbarerweise auch nicht daran. Er inszeniert eine gemeine kleine Szenenabfolge, in der das Schicksal seinen Lauf nimmt, kein Mitleid aufkommt – schon gar nicht übrigens mit den absolut nichtsnutzigen Bürschchen, die auf Beutezug ins Elternhaus zurückkehren – und das Lachen dem Publikums nicht im Halse stecken bleibt. Das ist alles total übertrieben. So schlimme Eltern gibt es bestimmt nicht, so schlimme Kinder auch nicht. Aber wer würde dafür die Hand ins Feuer legen, oder – um am Stück zu bleiben – den Fuß.

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