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Schauspiel Frankfurt Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen

Die Spielzeit im Schauspiel Frankfurt eröffnet mit dem „Haarigen Affen“ und „Räuber. Schuldenreich“.

Nils Kreutinger und André Meyer als Kong und Yank
Das Ende vom Konzert: Der Gorilla bringt den Menschen um. Nils Kreutinger und André Meyer als Kong und Yank. Foto: Arno Declair

Eugene O’Neills „Der haarige Affe“ hat mit oder trotz seiner expressionistischen Wucht und Manier die Zeiten seit 1922 gut überstanden und könnte ein Stück zur Stunde sein. Der eben noch in sich ruhende, nun (von seiner Arbeit) entfremdete, überforderte, desorientierte, aus seinem stumpfen Wohlbefinden gerissene und daraufhin die Evolutionsleiter rasch herunterstolpernde Mensch scheint schon ein Verwandter des so genannten Wutbürgers zu sein. Unten auf der Leiter angekommen, möchte sich dieser Mensch (der Mensch aus dem Stück, ein von vornherein nicht allzu heller Mensch) mit einem Gorilla verbrüdern, dem er sich innerlich inzwischen nahe fühlt. Er erweist sich aber als zu schwach dafür. Es gibt keinen Weg zurück, als Tier und unter Tierbedingungen ist ein Mensch nicht überlebensfähig.

Ewald Palmetshofers „Räuber. Schuldenreich“, 90 Jahre jünger, ist mit oder trotz seiner klug verstellten Sprache ein Stück zur Stunde und wäre es noch mehr, wenn die oben erwähnten Wutbürger sich nicht dumm vor Wut ablenken lassen würden, anstatt zu fragen, was die Mutter des Problems ist. Um es kurz zu machen: Zwei Generationen zweier deutscher Kleinfamilien reichen völlig aus, um Hass zu säen und Mord und Totschlag zu ernten. Nein, nur Mord. Die Alten können die Jungen nicht leiden und kommen prima ohne sie aus, die Jungen hassen die Alten, die alles haben (selbst tollen Sex), und physisch sind sie ihnen überlegen. Allerdings wächst schon die nächste Brut nach. Interessant, dass Palmetshofer 2012 zwar (nicht weiter erläuterte) finanzielle Motive im Blick hatte, aber schon erkannte, was erst zuletzt ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit geriet: Wie ahnungslos, unerzogen und leer Menschen sein müssen, um aus einer komplexen, aber nicht existenziellen Lage solche Schlüsse zu ziehen. 

Es gibt Gemeinsamkeiten und reizvoll indirekte Aktualitäten am Eröffnungswochenende des Schauspiels Frankfurt, und es gibt zwei Umsetzungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Schauspielhaus übernahm Thomas Dannemann die Regie für den „Haarigen Affen“, um den erkrankten Niederländer Eric de Vroedt zu ersetzen. Hier ist alles groß und laut. An den Kammerspielen zeigt der auch nebenan im Opernhaus tätige David Bösch „Räuber. Schuldenreich“. Hier ist alles klein und leise.

Ist eine Theatervorstellung als Konzert überlebensfähig? Schwer zu sagen, da die Dominanz der Musik von Michael Wertmüller nicht das einzige Problem dieses „Haarigen Affen“ ist. Aber sie ist sein mit Abstand herausstechendstes Merkmal. Im ersten Teil handelt es sich um eine großangelegte Schlagzeugmusik mit Stimmeinschüssen, die so überfordernd komplex wirkt, dass sie schon wieder nur halb ankommt, zumal es eigentlich nur darum geht, das Lärmen und Stampfen im Maschinenraum des Schiffes theatergemäß umzusetzen. Das wiederum funktioniert gar nicht so gut, zu eigenständig die Musik, zu vage im Umgang mit den Vorgängen, die sie begleiten, nein, die irgendwie dazwischen stattfinden müssen. Nach der Pause sind die Schlagzeuge abgeräumt, die elektronische Musik knispert und bumpert aber auch nicht beiseite. Ihre indirekte Produktion, sozusagen magisch, ist ein ganz schönes Bild für die Entfremdung von der Arbeit und die Entfremdung überhaupt vom praktischen Leben, die einen Malocher auf der schicken Fifth Avenue ankommen mag. Auch ist man schon froh, wenn man mal einhaken und überlegen kann.

Die Bühne von Stéphane Laimé sieht Zuschauer zu zwei Seiten vor: Der Mensch, der nachher zum haarigen Affen deklariert und damit aus seinem Menschsein katapultiert wird, steht in der Tat unter permanenter Beobachtung. Zwischen dem Zuschauerraum und der Tribüne hinten auf der Bühne des Schauspielhauses wird auf drei Ebenen gespielt, die mit Genuss, zunächst unter Trommelgewirbel auch mit Effekt präsentiert, hoch- und runtergefahren werden. Aber dann werden sie weiterhin hoch- und runtergefahren, und allmählich ist zu spüren, dass sich daraus nur das Allernotwendigste ergibt, ein vertikaler Spielraum und ein Oben und Unten gesellschaftlicher Art. 

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