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Schauspiel Frankfurt Die Leiden des jungen W.

Roger Vontobel setzt mit dem „Woyzeck“ die markante Darstellerin Jana Schulz im Schauspiel Frankfurt in Szene.

Jana Schulz als Woyzeck
Jana Schulz als Woyzeck. Foto: Arno Declair

Dieser Woyzeck ist interessanter als der Alptraum, den sein Regisseur Roger Vontobel um ihn her inszeniert. Das liegt einerseits an Jana Schulz, die sich hiermit dem Frankfurter Schauspielpublikum vorstellt. Jana Schulz, Jahrgang 1977, hat beim neuen Intendanten Anselm Weber in dessen Bochumer Zeit gespielt und ist jetzt in Frankfurt in vorerst zwei Gastrollen zu sehen. Auf die Premiere von Georg Büchners „Woyzeck“ folgt in vierzehn Tagen die Titelrolle in „Rose Bernd“ in einer aus Bochum übernommenen Inszenierung desselben Regisseurs (der in Frankfurt ohnehin viel machen soll). Dafür bekam sie 2016 den Gertrud-Eysoldt-Ring. 

Es hat sich herumgesprochen, dass Jana Schulz in der Rollenauswahl die herkömmliche Geschlechtergrenze ignoriert (Tellheim ebenso war wie Käthchen). Eindrucksvoller, und das kann man sich vorher ja nie vorstellen, ist aber, dass sie wie ein Mensch ohne Haut vor uns steht. So preisgegeben und empfindlich ist sie und spielt doch, als wüsste sie das gar nichts davon. Und wenig muss sie dafür an offenkundigem Aufwand liefern, ein gekrümmter Leib, die kreuz und quer gekrampften Finger einer Hand.

Natürlich bräuchte Woyzeck eine Therapie

Selbst das wäre kaum notwendig. Sie beherrscht sie natürlich, die Körperkunst des zeitgenössischen Schauspielens, aber es ist noch besser, sie zu sehen, wie sie bloß so dasteht und schaut und als leidender junger Woyzeck versucht, die subjektiv, aber auch objektiv gespenstische Welt um sich her zu verstehen. Natürlich bräuchte Woyzeck eine Therapie, aber man ist sich nicht einmal sicher, ob das Gesundheitssystem ihm heute ausreichend Stunden zubilligen würde.

Das – dass Woyzeck interessanter ist als sein Frankfurter Alptraum – liegt andererseits an der Inszenierung, die in die Vollen geht, jedoch mehr in die Breite als in die Tiefe, und dort wenig Spezielles hervorzuholen weiß. Ohne den erheblichen Aufwand wäre das aber kaum aufgefallen. Es fällt auch zuerst nicht auf. Die Bühne des Schauspielhauses ist diesmal wieder in erster Linie unverhältnismäßig riesig. Am Anfang steht Woyzeck mitten in einer futuristischen Umgebung, selbst aber mit einem naturbelassen wirkenden Häufchen von Ästen um sich, an denen er mit seinem Messer herumspitzt. Kumpane Andres (Andreas Vögler) macht an der Seite das gleiche, am Schlagwerk verstärkt Yuka Ohta das schabend-schneidende Geräusch, das ein Klangmotto des Abends (Musik: Orm Finnendahl) sein wird. Der Hauptmann überlebt noch Woyzecks Rasur, Marie wird dann das Opfer sein. 

Ein anderes Klangmotto: Schumanns Lied „Mondnacht“, auf Eichendorffs Gedicht, das in Büchners „Woyzeck“- und Todesjahr 1837 veröffentlicht wurde und die inniglich romantische Seite der Zeit also plausibel vertritt. Der große Auftritt (Klavier: Marco Ramaglia) ist trotzdem nicht zwingend, dafür singt das Kind unheimlich rührend.

Claudia Rohners Bühne hat hinten einen glasig wirkenden Stäbchen-Vorhang (sehr, sehr lange Stäbchen), durch den die Figuren auf- und abgehen und hinter dem sie bequem über Woyzeck lachen können. Auch werden sie hier mit einer Kamera für Projektionen auf den Stäbchen-Vorhang gefilmt. Die Videos (Clemens Walter) dienen vor allem dazu, die Rummelstimmung glitzernd in Szene zu setzen, in der Marie sich mit dem Tambourmajor tummelt. Auch werden von hier aus dosierte, aber heftige Lichtblitzattacken gegen das Publikum gefahren. 

Imposanter ist dennoch der Einsatz der Drehbühne, die mit einer etwas welligen Folie überzogen ist und in beständiger Bewegung gehalten wie verflüssigt wirkt. Vor allem Woyzeck, dem es nicht erlaubt ist, hinter den Vorhang zu schlüpfen, hat am laufenden Band gegen die Drehung anzugehen. Ein starkes Bild: Wenn Jana Schulz den Hauptmann auf einem rollbaren Frisierplatz hundert Jahre klaglos, aber mit Kraftaufwand schieben muss, damit der Hauptmann Richtung Publikum schwadronieren kann.

Anders als mit Woyzeck geht die Regie mit den Nebenfiguren allerdings beiläufig (positiver gesagt: klassisch) um. Wolfgang Pregler als kompakter, munterer Hauptmann, Matthias Redlhammer als von seiner Erbsenkur und Forschung besessener Doktor oder André Meyer als Tambourmajor mit breitester Brust spielen leicht erkennbare, trotz kurzerer Schreiereien verhaltene Prototypen. Die Uniformen von Ellen Hofmann sind dezent historisierend, der Tambourmajor ist tierisch bepelzt. Friederike Otts Marie ist individueller gedacht, das geht aber auf der großen Bühne etwas unter, vor allem im knalligen Großbildschirm-Geschehen. Die immer wieder krassen Rummelplatz-Sätze „Du bist geschaffen aus Staub, Sand, Dreck. Willst du mehr sein als Staub, Sand, Dreck?“ werden aufgepeppt mit den Schlüsselwörtern in leuchtenden Riesenlettern auf dem inzwischen sozusagen bedrohlich nach vorne gerückten Vorhang. Auch wieder ziemlich groß für eine doch überschaubare Idee. 

Die dramaturgische Entscheidung, das Märchen vom arm Kind ans Ende zu schieben und es Woyzeck der toten – hier de facto telepathisch, aber zum Messergeräusch ermordeten – Marie erzählen zu lassen, erweist sich dabei als glättender Effekt in diesen ohnehin an einer gewissen Glätte leidenden anderthalb Stunden. Denn was gibt es eigentlich Verstörenderes als eine Großmutter, die lediglich in einer einzigen Szene auftaucht, um ein paar Kinderlein eine so absolut grauenhafte Geschichte zu erzählen? 

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