Lade Inhalte...

Schauspiel Frankfurt „Die Diskussion kann unheimlich gefährlich werden“

Anselm Weber und Marion Tiedtke stehen vor ihrer ersten Spielzeit am Schauspiel Frankfurt. Ein Gespräch über den Spielplan und eine Debatte über das sanierungsbedürftige Theater.

Anselm Weber und Marion Tiedke
Anselm Weber und seine Stellvertreterin Marion Tiedtke in den Frankfurter Kammerspielen. Foto: Peter Jülich

Zwischen dem Schauspiel in Bochum und dem in Frankfurt gibt es starke Unterschiede. Das beginnt schon bei der riesigen Bühne in Frankfurt, der größten Europas. Was bedeutet das für die Inszenierungen, für die Dramaturgie?
Marion Tiedtke: Wir haben Regisseure gesucht, deren Ästhetik auf Verdrängung ausgelegt ist, die entweder mit großen Bühnenräumen arbeiten oder mit der Spielweise eine Verdrängung leisten können. Ein ziselierter feiner Ton, den die Kammerspiele ermöglichen, und eine gewisse Intimität zeichnen andere Regisseure aus. Wir haben deshalb beim Spielplan auch die unterschiedlichen Bühnen genau beschrieben, weil sie eine unterschiedliche Ästhetik erfordern. Wir haben uns entschieden, auf der großen Bühne in der ersten Spielzeit einen klassischen Schwerpunkt zu setzen. Diese klassischen Stoffe besitzen sprachlich eine große Durchsetzungsfähigkeit und Sprengkraft. Viele moderne Stücke haben nicht diese Sprachgewalt. 
 
Es fällt auf, dass Sie im ersten Halbjahr das klassische Stadttheater noch einmal durchbuchstabieren, mit Büchner, Shakespeare. Die erste Uraufführung steht erst 2018 an. 
Tiedtke: Das stimmt für die große Bühne nicht. Wir haben auf der großen Bühne fast eine Uraufführung: „Das siebte Kreuz“ nach dem Roman von Anna Seghers. Das ist erst einmal in der DDR aufgeführt worden, jetzt haben es Sabine Reich und Anselm Weber neu bearbeitet. Zudem haben wir einige Regisseure für die große Bühne eingeladen, die mehr als zehn Jahre jünger sind als Thalheimer, Kimmig und andere, die bisher hier inszeniert haben. Roger Vontobel ist 40, David Bösch und Robert Borgmann sind Mitte oder Ende 30. Das sind Regisseure einer nachkommenden Generation, die ihre eigene Handschrift entwickeln. Wir buchstabieren also nicht das Stadttheater durch. Wir fragen: Wie verhalten sich diese Regisseure zu diesem klassischen Programm? 

Wir meinten mit klassischem Stadttheater: Das sind Stoffe, die das Publikum kennt. 
Tiedtke: Die erste Spielzeit von Oliver Reese brachte auch viele Klassiker. Das kommt nicht von ungefähr. Es ist eine Einladung an die Stadtgesellschaft und bedeutet in der Tat: Das sind Stücke, die wir kennen, aber wir laden euch ein, die in unserer Erzählweise noch einmal neu zu betrachten. Außerdem bieten diese Stücke hervorragende Rollen, um ein neues Ensemble vorzustellen.
Anselm Weber: Das ist genau der Punkt. Ich bin ein bisschen erstaunt über die Lesart vom klassischen Stadttheater. Es freut mich natürlich, wenn Sie Anna Seghers zum klassischen Theater zählen. Es ist leider nicht so. Aber ich sortiere einen Spielplan nie nach alt und neu. Ich sehe die drei Bühnen: Das Große Haus, die Kammerspiele und das Depot. Jetzt setze ich ein Thema. Bei Richard III. und Woyzeck geht es um Macht und Ohnmacht. Das hat sehr viel mit unserer Welt zu tun. Dann habe ich für das Depot eines der außergewöhnlichsten Theaterprojekte der jüngsten Zeit: Transit Sibirien, die Erfahrungen einer Sibirienreise. Und dann kommt Laura Naumann, eine junge Autorin mit der Uraufführung „Das hässliche Universum“, dem Versuch, den Zustand der Welt aus ihrer Sicht zu beschreiben. 
 
Und der Unterschied zu Bochum? 
Weber: Bochum besitzt auch eine große Bühne. Und die Kammerspiele sind dort deutlich größer als hier. Mir hat in Bochum der kleine Experimentierraum gefehlt. 
 
So etwas wie hier die Box mit 90 Plätzen. 
Weber: Ja. 
 
 

Sie sehen den Richard und den Woyzeck zusammen, es geht um Macht und Ohnmacht, die geschundene Kreatur und den schindenden Kretin. 
Tiedtke: Die politischen Ereignisse haben die Überlegungen eingeholt, die wir schon vor zwei Jahren angestellt hatten. Die Frage nach einer politischen Autorität, die sich in ihrem narzisstischen Ich verliert, aber sich trotzdem behaupten kann, ist aktueller denn je. Wenn man nach Ungarn blickt oder nach Venezuela oder natürlich in die USA mit Trump. Da ist „Richard III.“ Das Stück par excellence. Beim „Woyzeck“ geht es auch um die Schere zwischen Reich und Arm, die sich immer mehr öffnet. Es geht um die Rettung des Sozialstaates und der offenen Gesellschaft. Wie kann man die retten? Wir sind in der Gefahr, dass eine Abstiegsgesellschaft entsteht, wie sie der Frankfurter Wissenschaftler Oliver Nachtwey beschrieben hat in seinem jüngsten Buch. 
 
Ist das das Gemeinsame zwischen den beiden Städten Frankfurt und Bochum? In Bochum sind Sie voll in die Phase der Schließung des Opel-Werkes reingeraten, es gab große Demonstrationen ...
Weber: ... die wir organisiert haben, ja. 
 
Sie haben damals sehr deutlich Stellung bezogen. In Frankfurt ist die Situation anders, schon vom gesellschaftlichen Echoraum her. 
Weber: Stadttheater ist für mich erst mal grundsätzlich ein positiver Begriff, kein negativer. Das ist für mich die Frage nach dem Verhältnis von Stadt und Theater. Nur so kann ich Theater denken, für die Stadt und den Ort. Wir beginnen jetzt eine öffentliche Diskussion über Werte. Das ist im positiven Sinne altmodisch. 
 
Es gab mal den Begriff des bürgerlichen Stadttheaters, da schwang stets etwas Konservatives mit. 
Weber: Der Begriff des Bürgerlichen ist für mich kein negativer Begriff. Bürgertum ist für mich die Mitte der Gesellschaft. Das basiert auf dem Konsens, dass wir die Gesellschaft, die wir haben, beschützen wollen. Wir müssen die Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft verteidigen gegen das, was wir gerade rund um uns herum erleben. Was ist Frankfurt? Wir sagen: Es hat etwas mit der Paulskirche und den Werten der Freiheit von 1848 zu tun. Da versuchen wir, eine Debatte anzustoßen. 
 
Sie haben nicht umsonst die Paulskirche für Ihr Programmheft fotografieren lassen.
Weber: Absolut. Unser Projekt „All Our Futures“ gehört auch dazu. 
 
Das sollte man erläutern: 220 Jugendliche erzählen über drei Jahre hinweg an verschiedenen Orten aus ihrer Lebenswelt. 
Tiedtke: Wir möchten in die Stadtgesellschaft hineinwirken, in verschiedene Schichten. Aber noch einmal zur bürgerlichen Mitte: Sie ist es, die die Gesellschaft trägt. Sie ist aber im Schwinden begriffen. Man braucht die zwei Pfeiler: Die, die sich ausgeschlossen fühlen, und die Mitte der Gesellschaft. 
 
Wäre die Paulskirche auch ein möglicher Ausweichspielort während eines Umbaus der Bühnen? Wollen Sie die Paulskirche bespielen? 
Tiedtke (lacht): Das wäre super. 
 
Die Stadtgesellschaften von Frankfurt und Bochum sind doch sehr unterschiedlich. Bochum vermittelte den Eindruck einer verschworenen Gemeinschaft ...
Weber: Der Verlust der Opel-Werke hat diese Stadt in eine Identitätskrise getrieben, auf die Frage zu: Was sind wir? Wir haben als Theater versucht, diese Leerstelle zu besetzen. Das ist uns gelungen. Wir haben in sieben Jahren 1,5 Millionen Zuschauer gehabt. Die suchten eine Form von Identität. Das war toll. Wir haben aber auch Ohnmacht erlebt: Sie bringen 40 000 Leute auf die Straße und dann wird das Werk trotzdem abgewickelt. 

Diese identitätsstiftende Situation gibt es so in Frankfurt nicht. Hier sind sie als Theater eine von vielen Attraktionen einer reichen Stadt. 
Weber: Da widerspreche ich. Das Zusammenspiel von Oper und Schauspiel bringt uns in Deutschland ganz nach vorne. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Was hier geleistet wird im Verhältnis zu den Kosten, ist wirtschaftlich günstig und künstlerisch herausragend. 
Tiedtke: Das Schauspiel ist wieder ins Zentrum der Stadt gerückt, das ist das Verdienst unseres Vorgängers Oliver Reese. Daran versuchen wir anzuknüpfen. Es ist eine große Neugier da auf unser Theater. 
 
Aber es hat in der Stadt eine massive Diskussion darüber begonnen, was Theater kosten darf. Es steht die Zahl von 900 Millionen Euro für einen Neubau oder die Sanierung der Bühnen im Raum. Fürchten Sie diese Diskussion? 
Weber: Alle Beteiligten sind davon ausgegangen, dass dieses Gebäude sanierbar ist.  
 

Als Sie Ihren Vertrag ausgehandelt haben...
Weber: ...habe ich nicht gewusst, was da auf uns zukommt. Aber mir hat niemand was verschwiegen. Zum damaligen Zeitpunkt hat sich niemand vorstellen können, wo wir am Ende landen. Alle Beteiligten im Haus haben immer gesagt: Wir finden eine Lösung im Haus, im Rahmen einer Sanierung. Das war bis Dezember letzten Jahres so. Dann gab es plötzlich aufgrund neuer Erkenntnisse bei der Haustechnik den Punkt, dass man gesagt hat: Der Ost- und der Westflügel müssen abgerissen werden. 
 
Die Politiker sprechen längst über einen Neubau. 
Weber: Es gab so was wie den Fluch der guten Tat. Es ist ehrlich gerechnet worden und so entstanden die 900 Millionen. Wenn der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann in den 80er Jahren einmal die Gesamtkosten genannt hätte, gäbe es heute das Museumsufer nicht...
 
...Hoffmann weigerte sich stets, eine Gesamtzahl zu nennen...
...Weber: Hoffmann ist immer von einem Museum zum anderen gegangen. 
 
Jetzt sagt aber die Kulturdezernentin Ina Hartwig schon beim FR-Stadtgespräch: Wir müssen groß denken, und plädiert für einen Neubau, der modellhaft das Theater des 21. Jahrhunderts zeigt. 
Weber: So weit bin ich noch nicht. Es geht immer unter: Wenn man die Theaterdoppelanlage heute so hinstellen würde, wären das 650 Millionen Euro. Das ist für die historische Aufgabe nicht überdimensioniert. Was ich fordere, ist ein politischer Konsens. Die Diskussion kann unheimlich gefährlich werden. Sie kann von Populisten von links und rechts benutzt werden, um die Frage nach der Existenz des Theaters zu stellen. Das darf nicht geschehen. 
 
Wir haben das in den 90er Jahren in Frankfurt schon einmal erlebt, dass die Kultur gegen das Soziale ausgespielt wurde, mit dem Slogan: Die Kultur muss bluten. 
Weber: Genau. Im Moment wird zu viel übereinander gesprochen und zu wenig miteinander. 
 
Wäre es nicht in der Tat eine Chance, in Frankfurt für das Theater der Zukunft mit einem Neubau zu demonstrieren?
Weber: Sicher. Aber die Frage der Ausweichspielstätten ist in diesem Zusammenhang ganz entscheidend. Für mich gibt es noch keine Patentlösung. Die Politik muss entscheiden: Was ist es ihr wert? 
 

Sie könnten sich mit einem kühnen Vorschlag an die Spitze der Bewegung setzen.
Weber: Ich bin seit Montag der vergangenen Woche in der Stadt. Ich nehme den Status des Novizen für mich in Anspruch. Aber wir werden noch länger als drei Jahre in diesem alten Haus sein. 
 
Das Theater hat sich zuletzt zu sehr auf sich selbst zurückgezogen, teilen Sie den Eindruck? 
Tiedtke: Es gibt in der Theaterlandschaft eine Spaltung zwischen Performance und dem Narrativ. Gibt es überhaupt noch Geschichten, die wir erzählen können? Ich komme aus der Tradition: Der Schauspieler steht im Mittelpunkt. Mich reizt es, zu erzählen. Daraus entsteht dann die Ästhetik. Entscheidend ist: Welche Inhalte werden auf der Bühne verhandelt? 
 
Ist Ihr Theater ein politisches Theater? 
Weber: Das ist in meinen Augen ein politisches Theater, ja. Wir müssen uns ständig die Frage nach Transparenz und Relevanz stellen. Und das tun wir. 

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Christian Thomas

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen