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Schauspiel Frankfurt "Die Blechtrommel" Und es war ganz allein

Günter Grass' "Blechtrommel" als Solo, Nico Holonics als Oskar Matzerath: Intendant Oliver Reese macht am Schauspiel Frankfurt erneut den Einspringer und hat sich eine ökonomische und effiziente Variante ausgedacht.

Unverkennbar Oskar Matzerath: Nico Holonics spielt "Die Blechtrommel" am Schauspiel Frankfurt. Foto: Birgit Hupfeld

Wer weiß, was ursprünglich geplant war. Erneut sprang Intendant Oliver Reese als Regisseur ein, nachdem der Moskauer Regisseur Konstantin Bogomolov die für Oktober vergangenen Jahres geplante „Blechtrommel“-Inszenierung abgesagt hatte. Ein Déjà-vu, nur nicht so bitter, denn vor fast genau einem Jahr hatten die doch recht verunglückten „Kinder der Sonne“ durch Reese nicht gerettet werden können, als er während der Endproben die erkrankte Andrea Moses ersetzte.

Diesmal hingegen: Ein Pfund zum Wuchern, eine verblüffende Angelegenheit. Denn was auch immer Bogomolov vorhatte, macht Reese jetzt das, was er besonders gerne und gut macht. Er setzt den Schauspieler Nico Holonics ein und beschert ihm das Solo seines bisherigen jungen Lebens: ein normaler 135-Minuten-Abend inklusive Pause allein für Holonics und Oskar Matzerath.

Das sind nicht mehr als sechzig Seiten aus dem Roman von Günter Grass, eine Theaterfassung von Reese selbst, die meist mit Geschick (Bronskis Tod zum Beispiel ging beim Kürzen über die Klinge der Logik, oder?) und immer mit Geruhsamkeit einzelne Szenen herausstellt und den Rest (inklusive etwa der gesamten Rahmenhandlung) weglässt. Das Ergebnis ist zwar ein bebildertes Hörbuch, aber das ist ehrlich gesagt dann in dieser Form viel besser und preiswerter als mit jenem üppigen Darstelleraufgebot, mit dem die Romanadaption gemeinhin auch bloß zur Großillustration ausgreift.

Für eine Deutscharbeit reicht es nicht

Wer rasch ins Schauspiel geht, kann anschließend allerdings noch keine Deutscharbeit über den Roman schreiben. Oder vielleicht doch, aber es ist ein Risiko. Der Abend selbst ist kein Risiko, sondern ein Schauspielertriumph. Kein Regietriumph. Erstens keiner, weil der Frankfurter Intendant ihn nicht sucht. Wenn er selbst inszeniert, setzt er sehr konsequent andere in Szene. Zweitens keiner, weil Reese auf einige regelrechte Plattheiten nicht verzichtet, sie zumindest nicht verhindert. Zu viel modische Unterhalterpose steckt in diesem Oskar, wenn er sich mit Becker-Faust, den Piff-paff-puff-Lauten einer Weit-nach-Oskar-Computerspiel-Generation und also den Mitteln der herkömmlichen Klamotte begnügt.

Solche Momente machen es Holonics und Oskar viel schwerer, als sie es haben müssten. Sie passen doch so gut zusammen. Holonics ist ein komischer Typ, sieht lieb und kindlich aus zunächst, aber sein Lächeln ist mehr als windig, es ist fies und seltsam, und auf Wunsch bringt er ohne weiteres zustande, was früher Ohrfeigengesicht hieß. Aber richtig unbehaglich wird es gar nicht so oft, und das liegt nicht an Holonics’ und Oskars Unbehaglichkeitpotenzial.

Jetzt aber: der triumphale Teil. Holonics ist zwar nicht 95 Zentimeter hoch, aber sofort ganz klein, weil er alleine ist und Daniel Wollenzin einen übergroßen Stuhl auf die in den Zuschauerraum des Frankfurter Schauspielhauses hineingeschobene Bühnenfläche gestellt hat. Auch steckte Laura Krack ihn in eine übergroße Latzhose, die unterm Kapuzenpulli auftaucht. Auch der signalisiert übrigens, dass Oskar irgendwie von heute ist, aber das ist eine Sackgasse, nicht unbedingt inhaltlich, jedoch in der Ausführung.

Der Boden ist erdig, ein mehr oder weniger grabgroßes Loch ist die Kellerluke, in die Oskar hineinfallen kann, aber auch die Durchreiche für die zahllosen rotweiß lackierten Blechtrommeln, die im Laufe des Abends von ihm zerhauen und zertreten werden. Nicht viel wert so eine arme Blechtrommel, so lange der Nachschub nicht stockt. Vor der Pause enthüllt Oskar eine ganze Blechtrommelwand, eine Maßlosigkeit, die man ihm gönnt.

Nicht gut läuft es hingegen, als auch der Spielwarenladen des Händlers Sigismund Markus zusammengehauen wird, in der „Reichskristallnacht“, die Oskar erst ein Rätsel, dann ein Graus ist. Die Blechtrommeln, das geht nicht, darf nicht sein. Holonics ist der Jude Markus und der jetzt praktischerweise völkisch eingestellte Vater Matzerath und der heulende und mit den Zähnen klappernde Oskar.

Das Zwei-Personen-Sex-Ersatz-Solo

Er ist auch, besonders schön, der kleinwüchsige Zirkusartist Bebra. Und er zelebriert die Pferdeschädel-Aal-Szene, die Generationen von Lesern Nerven kostete, zieht die Aale aus dem Kopf und ist zugleich die sich vor Ekel übergebende Mutter. Und er zelebriert auch, noch mehr, die Waldmeisterbrause-Szene, ist Marie und Oskar zugleich, zeigt ein verschlingeltes und dabei ausgelassenes Zwei-Personen-Sex-Ersatz-Solo, wie es einem nicht mehr oft im Leben begegnen wird.

Warum dies alles, sieht man davon ab, dass Holonics es kann, grandios kann? Diese Frage ist noch bei keiner Romanadaption befriedigend beantwortet worden. Nein, hier auch nicht.

Zum Verbeugen im beträchtlichen Frankfurter Jubel ziehen alle Beteiligten Nous-sommes-Charlie-T-Shirts über. Man kann nicht viel machen, aber das ist eine gute Geste.

Schauspiel Frankfurt: 18., 29. Januar, 11., 12., 26. Februar. www.schauspielfrankfurt.de

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